Grundwissen/Eckdaten Substanzaufbau Verschwundenes
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- GRUNDWISSEN / ECKDATEN -
Über die Anfänge:
Der Schützenausmarsch Hannover ist viel zu alt, als daß sich sein Beginn bestimmen ließe. Schon zum Papagoyen-Schießen auf der Fläche der vormaligen Burg Lauenrode in der späteren Calenberger Neustadt zogen die geneigten Schützen organisiert aus. Ein undatiertes Schriftstück beschreibt den Zug wie folgt: Vorn Trommler und Pieper (Pieper = Pfeifer, also Bläser, wobei als Instrument der Zink hervorgehoben ist), dann ein geschmückter Knabe auf einem Schimmel (den Frühling darstellend), dann der Schützenkönig des Vorjahres mit Armbrust über der Schulter, dann der Bürgermeister und die Ratsherrn, dann der Maigraf (= nach germanischem Brauch beim Maifest aus dem Kreis der Bürger gewählte Repräsentationsfigur), und schließlich als „Papagoyen-Gesellschaft“ die Schützen. Eine solche Papagoyen-Gesellschaft ist immerhin von 1379 bekannt! Aber springen wir in die Zeit der Feuerwaffen. Der ersten Schützenordnung anno 1575 ist nichts von irgendwelchen geordneten Märschen zu entnehmen. Vielmehr sollten sich die Teilnehmer zum Schießwettbewerb des Schützenfests selbständig am Sonntag um 12 Uhr beim Schützenhaus einfinden. 1582 und 1601 lud die Stadt Hannover jeweils zu einem großen Schießwettbewerb mit Schützenfest ein, genannt „Schützenhof“. Boten hatten dafür vorher in halb Deutschland Einladungen überbracht. Zu beiden Schützenhöfen wurden auch Paraden durchgeführt. Sie starteten auf dem Marktplatz (das ist der Platz zwischen Marktkirche und Altem Rathaus) und endeten am Leintor (stand an der Leine in der Schloßstraße), schlängelten sich aber bestimmt kreuz und quer durch die Stadt, da der direkte Weg doch arg kurz gewesen wäre. Für 1601 ist sogar die Anzahl teilgenommener Schützen überliefert: 92 einheimische und 95 auswärtige. Diese Schützenhöfe stellten gleichwohl nichts allzu Besonderes dar, denn andere Städte richteten solche Veranstaltungen ebenso aus, außerdem war Hannover noch keineswegs eine herausragend große Siedlung. Jedoch scheinen die erlebten Paraden viel Begeisterung für das Schützenwesen und dessen zeremonielle Handlungen entfacht zu haben. Es war übrigens die Zeit, in der sich das Plattdeutsche allmählich vor dem Standarddeutschen zurückzog. Demnach hießen die hannoverschen Schützen erst noch „Schutten“ oder „Schütten“. In drei südniedersächsischen Orten konnte sich für ihre Schützenfeste bis heute der Name „Schüttenhoff“ halten.
Über die Bezeichnung:
Wie für alle anderen Schützenumzüge im Land auch, hatte man für den hannoverschen Vertreter lange Zeit keine feste Bezeichnung. Quellen des 17. bis 19. Jahrhunderts geben wechselweise „Auszug“ und „Ausmarsch“ her. Damals waren diese Paraden Bestandteil der Schießwettbewerbe. Zur Schießbahn hin vollführte man den Auszug/Ausmarsch, zurück in die Stadt den Einzug/Einmarsch. Daß sich solche ernsthaften und sportlichen Tätigkeiten mit feucht-fröhlicher Feierei vertrugen, ist schwer vorstellbar, war aber wohl so. Ein noch größeres Rätsel bleibt die Frage, wieso sich über Jahrhunderte kein griffiger Titel für die Parade durchsetzte. Die vielen schriftlichen Quellen aus der Zeit des Kaiserreichs, also aus den Jahrzehnten um 1900, bieten einen großen Mischmasch. „Ausmarsch“ war da immer noch kaum mal mit „Schützen“ verbunden. Kann denn das Wort „Ausmarsch“ allein so unmißverständlich gewesen sein, wenn die Hannoveraner über dieses wichtige Stadtereignis sprachen? Falls nicht, hätte doch stets die Erläuterung „Schützen“ hinzugefügt werden müssen, was aber schon lange den feststehenden Begriff „Schützenausmarsch“ entstehen lassen haben mußte. Jedoch war selbst das Wort „Ausmarsch“ nur so schwach geprägt, daß daneben auch beliebige andere Bezeichnungen wie „Schützenzug“ oder „Schützenfestzug“ verwendet wurden (wäre ja heute ein regelrechter Fehler). Dem allgemeinen Bild nach zu urteilen, forderte die Benennungsunschärfe es heraus, daß während der Weimarer Republik das Wort „Ausmarsch“ wieder an Boden gewinnen sollte, klarer und klarer Jahr um Jahr. Den bewußten Sprung zum verbindlichen Namen „Schützenausmarsch“ scheint man zu 1938 vorgenommen zu haben, sicherlich befördert durch Abgrenzung gegenüber militärischen Übungen. Das blieb über die lange Kriegspause im Gedächtnis, wurde 1950 auch fortgeführt, erschien den Leuten zunächst aber konstruiert und war nicht sofort verinnerlicht. Inzwischen ist der Begriff sachlich eigentlich falsch, denn es handelt sich heute eindeutig um einen Umzug/Ummarsch. Seit Mitte der 1950er Jahre findet ja kein Schießen mehr nach der Ankunft auf dem Schützenplatz statt, und die ursprüngliche Zielorientiertheit läßt sich anhand der Strecke auch weniger denn je ablesen. Da überall die Paraden längst von den Schießwettbewerben abgekoppelt sind, wird auch verständlich, warum die Wortwahl „Ausmarsch“/„Auszug“ woanders kaum vorkommt (und wenn doch, dann wohl von Hannover abgeguckt).
Über den Termin:
An Schießwettbewerben gab es früher drei Stück im Jahr, das Pfingstschießen (meist im Mai), das Johannisschießen (Ende Juni) und das Michaelisschießen (Ende September). Unter ihnen entwickelte sich das Johannisschießen zur Haupt­veranstaltung. Dieses ging wahrscheinlich sobald es von den Wochentagen her paßte nach dem 24. Juni, dem Johannistag, über die Bühne. Wohl weil sich die Schießbahnen nahe kirchlichen Einrichtungen befanden, war sonntags das Schießen in Hannover ab 1611 verboten. Zum Ausweichtag wählten die Schützen insbesondere den Montag, welcher daher auch der traditionelle Tag des Schützenausmarschs ist. Die Schießwettbewerbe dauerten immer von Montag bis Mittwoch. An allen drei Tagen marschierten die Schützen aus und wieder ein - es fanden also sage und schreibe sechs Paraden statt! Morgens wurde mit schwankender Aufbruchzeit losgezogen, soweit nachzuvollziehen zuerst um 9 Uhr, in späteren Zeiten über 8:30 Uhr dann um 8 Uhr. Die Rückkehr mit Ablieferung der Fahnen geschah je nach Verlauf der Wettbewerbe irgendwann am Abend. Von 1837 an begnügte man sich bei den Einmärschen auf nur noch einen, startend um 2 Uhr in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag … Seit aus dem Dunkel der Geschichte heraus genaue Angaben für die kalendarische Terminierung vorliegen, ist ein um einen Tag versetztes Schema zu erkennen. Danach fiel der erste Ausmarsch zum Schießen auf den zweiten Montag nach dem 18. Juni, also frühestens den 26. Juni und spätestens den 2. Juli. Falls die Bedeutung dessen wie zu vermuten im Jahrestag der Waterloo-Schlacht lag, kann sie aber erst ab 1816 gegolten haben. Anders als heute ergab sich der Termin dennoch nicht von allein aus einer Regel, sondern er wurde jedes Jahr im Januar eigens festgesetzt. Das Schützenfest insgesamt begann nun gesichert am vorherigen Sonntag mit einer Vorfeier, und fand am folgenden Wochenende seinen Abschluß. Ab 1846 verschob sich der Stichtag aus unbekannten Gründen auf den dritten Montag nach dem 18. Juni, das heißt frühestens den 3. Juli und spätestens den 9. Juli. War man schon vorher ein- oder zweimal eine weitere Woche nach hinten gegangen, um nationalen Schützenereignissen auszuweichen, wurde es 1872 auch wieder Mitte Juli, jedoch umgekehrt um sich in etwas hineinzufügen, nämlich in das von Hannover als Gastgeber ausgerichtete „Bundesschießen“. Da jener Zeitrahmen wohl gefiel, blieb man fortan dabei. Bis zum Ende des Jahrhunderts erhielt ein Montag aus dem Bereich vom 7. bis zum 17. Juli den Zuschlag. Wobei zu 1874 tatsächlich die Verminderung auf nur noch eine Parade erfolgte, Montagmorgen ab 8 Uhr. In den Jahren 1890 und 1897 entschied man sich wegen anderswo veranstalteten Bundesschießen zum - drastischen - Vorziehen auf den 23. bzw. 21. Juni. Wie und wann sich Anfang des 20. Jahr­hunderts dem heute bekannten Terminfenster mit dem ersten Juli-Montag als Richtwert angenähert wurde, muß noch ermittelt werden. In den 1960er Jahren kamen Überlegungen auf, vom Montag auf das vorherige Wochenende umzu­steigen, einerseits wegen des stark zunehmenden Autoverkehrs, andererseits zwecks touristischer Vermarktung. Eifrigster Verfechter dieser Idee war Oberbürgermeister August Holweg. Entgegen dem Mehrheitswillen wurde für 1969 und 1970 probehalber der Samstagmorgen (8 Uhr) anberaumt. Viele Hannoveraner einschließlich der Schützen versuchten gar nicht erst, sich mit dem anderen Wochentag anzufreunden. 1971, wieder am Montag, zeigten sie mit überwältigend großem Andrang, daß ihnen dieser Montag heilig war. Doch die Sachargumente der Gegenseite sollten gewinnen. Selbst im Lager der Schützen kämpfte nun namentlich die „Schützengesellschaft Wilhelm Tell“ für eine Verlegung. Und so schlitterte der Schützenausmarsch ab 1974 unweigerlich auf Sonntag, 9 Uhr. Da dieser Termin keinen vorübergehenden Charakter mehr erkennen ließ, nahm ihn Hannover erstmal an. Wenn dann nur wenige Jahre später der bis heute anhaltende Niedergang einsetzte, drängt sich allerdings der Verdacht auf, daß die Wochentags­verschiebung dem Schützen­ausmarsch seinen Spirit raubte. In einem noch nicht ermittelten Jahr, jedenfalls nach 1984, hüpfte die Startzeit auf 10 Uhr.
Über den Start- und den Zielpunkt:
Treffpunkt der Schützen war ursprünglich das Brauergildehaus. Dieses stand an der Ostseite der Osterstraße, Höhe zwischen Windmühlen- und Röselerstraße, am damaligen Ostrand der ganzen Stadt. Zu der Ehre kam das Brauergildehaus wahrscheinlich deshalb, weil es einen für alle Bürger nutzbaren Festsaal enthielt, wovon auch die Schützen gern Gebrauch machten. Von dort aus wurde zum ersten Schützenhaus und -platz marschiert. Hierbei wiederum handelte es sich um einen Teil des später so benannten Klagesmarkts, der sich - man kann es nicht glauben - noch vor den Toren Hannovers befand. Bis dorthin zogen die Schützen sogar über freies Feld. Ein Stadtplan von 1800 enthält als einziger die Eintragungen jenes Schützenhauses und -platzes; siehe hier (und zur Veranschaulichung ruhig auch dieses Bild eines Prozessionszuges anno 1740 vom Steintor zur heute noch als Ruine vorhandenen Nikolai-Kapelle). Ab 1818 oder nach anderer Quelle 1814 verlagerte sich der Startpunkt zum Rathaus, worunter das Alte Rathaus neben der Marktkirche zu verstehen ist, genauer gesagt der Marktplatz dazwischen. Das Abwarten des Glockenschlags als Startsignal gestaltete sich an diesem Ort noch viel kultiger. Von 1827 an änderte sich auch das Ziel, als in der Ohe ein neues Schützenhaus eingeweiht werden konnte. Die eigentliche Auflaufstelle, der zugehörige Schützenplatz, ist nur sehr bedingt mit dem heutigen gleich­zusetzen. Er war kleiner, grasbewachsen, und lag geradeaus am südlichen Kopfende des Straßenzugs Waterloostraße/Bruchmeisterallee (damals: Am Waterlooplatze). Viel Überschneidungsfläche ist da nicht anzunehmen, und das zentrale Rundteil hatte logischerweise einen abweichenden Standort. Ob sich dann am Startpunkt wieder was änderte, nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts der für die Stadt­entwicklung so wichtige Durchbruch der Karmarschstraße erledigt worden war, womit die freigestellte Süd- zur neuen Hauptseite des (Alten) Rathauses mutierte, ist unsicher. Angesichts des Mengenzuwachses der Schützen trafen sich ohnehin nur noch die in den 1. Zug eingeordneten direkt beim Rathaus, der Rest staffelte sich woanders im Straßennetz auf. Beispielsweise sammelte sich öfters der 2. Zug in der Ebhardtstraße, der 3. Zug an der Aegidienkirche in der Osterstraße, und nach seiner Schaffung der 4. Zug in der Baringstraße. Interessant ist aber trotzdem, daß sich das Alte Rathaus gegenüber dem 1913 vollendeten Neuen Rathaus vorerst als Startpunkt behauptete. Mitte der 1930er Jahre erfolgte dann - zusammen mit der Aushebung des Maschsees - die Zuschüttung des Ihme-Schlenkers und die anschließende Formgebung des Schützenplatzes hin zur jetzigen Gestalt. Das neue Rundteil übernahm ab 1937 sofort die Geltung des vorherigen. Weiterhin scharten sich alle Schützen nach Absolvierung der Marschstrecke pflichtbewußt drumherum, um noch einer Funktionärsrede zu lauschen, denn wären sie weggegangen, hätte man ihnen die Teilnahme am Umzug aberkannt und mithin die Zulassung zu den Schießwettbewerben verweigert. Erst nach dem 2.WK entstand die Idee, den gut geeigneten Trammplatz vor dem Neuen Rathaus zum Startpunkt auszurufen. Dies war bislang die letzte Verlegung. Daß das Schützenhaus in der Ohe im Krieg zerstört und der Ersatz 1954 in Wülfel aufgebaut wurde, beeinflußte den Schützen­ausmarsch nicht mehr. Anbei ein vereinfachter Überblick:

Luftbild mit der Situation vor der Anlegung des jetzigen Schützenplatzes:
Über den Streckenverlauf:
Hannover und der Schützenausmarsch, dieses innige Verhältnis drückt sich auch gut in der Geschichte der Wegeführung aus. Zu Zeiten, als Hannover lediglich aus der Altstadt bestand, wurde bis auf die engsten Gassen wahrhaft die ganze Stadt durchpflügt. In Richtung des ersten Schützenhauses im Norden verließ der Zug das Stadtgebiet mal über das Steintor, mal über das beim Marstall an der Leine gelegene „Neue Thor“, wo beim Durchkommen der Schützen Freudenschüsse aus Kanonen losdonnerten. Bei den einst noch drei Ausmärschen schlug man immer wieder andere Wege ein. 1825 führte dieser z.B. am ersten Tag an der Wohnung des Stadtdirektors vorbei, am zweiten Tag an der Wohnung des Vaters des Stadtdirektors, am dritten Tag ohne Umschweife zum Zielort. Mit dem Ausbau des Staatsapparats kamen als weitere Fixpunkte auch die Wohnungen von Regierungspräsidenten, Polizeipräsidenten, Kommandierenden Generälen, usw. hinzu. Ab der Verminderung auf nur einen Ausmarsch waren natürlich wohlüberlegte und längere Strecken gefordert. Die Verläufe lassen sich gut nachvollziehen. Als feste Bereiche gesetzt waren Altstadt, Kröpcke, Aegi, Neues Rathaus sowie zwangsläufig die lange Zielgerade zum Schützenplatz hin. Dem Kröpcke näherte man sich stets von Westen aus, dem Neuen Rathaus auf dem Friedrichswall (damals: Friedrichstraße) mit Abstecher über den Trammplatz von Osten her; also beides umgekehrt wie heute. Regelmäßig eingebunden waren aber auch die Calenberger Neustadt bis zur Humboldtstraße, die Ecke Steintor bis Brühlstraße und Lange Laube, sowie das Gebiet hinter dem Opernhaus bis Thielenplatz und Prinzenstraße. 1934 stieß der Schützenausmarsch sogar bis zur Kreuzung Friesenstraße/Eichstraße weit in die Oststadt vor. Jedes Jahr wurde eine andere Route ausgesucht, mit immer mal wieder ganz neuen Straßen. Die rund 6 km messenden Strecken waren gut 50% länger als heute. Wegen Hitze gab es keine Beschwerden, da sich ja alles am Morgen zutrug und weit vor Mittag endete. Marschierte man von der Altstadt in die Calenberger Neustadt (und später auf Goethe- und Georgstraße wieder hinaus), durchzog man über die noch bestehende Brücke bei der Schloßstraße auch die legendäre abgetragene Leineinsel! Genausogut konnte es aber sein, daß die Neustadt erst nach dem Neuen Rathaus vor dem Einbiegen in die Schlußgerade an der Reihe war. Ihre Hauptachse, die Calenberger Straße, müßte eigentlich eine prächtige Parade ermöglicht haben, wovon es leider keine Zeugnisse gibt. Nach dem 2.WK fiel die Neustadt aus dem Programm. Es wurde - bei geändertem Startpunkt - der weitgehend starre Kurs entgegen dem Uhrzeigersinn eingeführt. Mit dem Sonntagstermin 1974 klemmte man dann auch den urigen Bereich um die Marktkirche ab, zugunsten des Ballhofs. Um 1980 konnten wegen des U-Bahn-Baus jahrelang der Kröpcke und auch schon die Georgstraße auf Höhe Opernplatz nicht passiert werden. Der Zug bog dann vorher nach Westen ab, teils nach Schwenk um das Opernhaus herum. Weshalb eine solch kurze Strecke gegenüber dem Verlauf über den Ernst-August-Platz bevorzugt wurde, ist unklar. Ernst-August-Platz statt Kröpcke ist schließlich bis in die jüngste Zeit (2014; 2017 kurzfristig gekippt) die einzige immer mal wieder vorkommende Abwechslung im Streckenplan.

   
   
   
   
   
   
   
   
Diese Bildertafel veranschaulicht im Wesentlichen das Streifgebiet des Schützen­ausmarschs vor der Zerstörung Hannovers.


Über die Entwicklung der Schützenzahlen:
Jahrhundertelang enthielt der Schützenausmarsch nahezu grenzgenau abgesteckt nur hannoversche Schützen. Fremde hatten weder die Muße noch die Erlaubnis, werktags in der Früh durch Hannover zu marschieren, und anschließend um die unmittelbar damit verbundene Stadtmeisterschaft mitzuschießen. Eine Ausnahme ereignete sich 1861, als Gastschützen aus Wolfenbüttel (mit Fahne), Bremen, Hildesheim und Northeim in den Umzug aufgenommen und am Abend dem König Georg V. vorgestellt wurden. 1869 war das erste „Nordwestdeutsche Bezirks­schießen“ in die hannoverschen Veranstaltungen eingepflanzt, was dem Schützenausmarsch 350 zusätzliche Teilnehmer von auswärts bescherte. Und sonst, wieviele Schützen mögen da normalerweise unterwegs gewesen sein? Obwohl das Schützenfest im 17. Jahrhundert schon fest zur Stadtkultur gehörte (während der Tage führten z.B. die Altstädter und die Neustädter Kinder das Spiel durch, sich über die Leine hinweg aus Steinschleudern mit Matschklumpen zu beschießen), soll das Schützenaufkommen gering gewesen sein. Für 1653 wurde die Zahl von nur 30 Mann notiert. Wenn es heißt, daß sie sich gegen 1825 im Rathaus sammelten, spricht das auch für noch keine große Menge. Das wird sich just ab 1825 geändert haben, als die Obrigkeit beschloß, jeden männlichen angehenden Bürger, ob Herangewachsenen oder Zugezogenen, für die Erlangung der Bürgerrechte gesetzlich zu verpflichten, drei Jahre lang an den Schieß­wettbewerben und mithin an den Schützenausmärschen teilzunehmen (völlig ausgeschlossen waren allerdings Empfänger öffentlicher Armenunterstützung sowie kriminell Vorbestrafte). Damit sollte dem allgemeinen Interesse an einer wehrfähigen Einwohnerschaft genützt werden. Falls es dieses - ab 1833 auch aus Linden bekannte - Gesetz in anderen Städten nicht gab, ist es vielleicht der entscheidende Grund dafür, daß der hannoversche Umzug so ungewöhnliche Ausmaße annahm. Die Aufhebung des Gesetzes 1874 war folglich von Verlustängsten begleitet. Doch im Gegenteil verschaffte sie dem Schützenausmarsch nur noch mehr Förderung: Um das Kulturgut bewahren zu helfen, erklärten nun plötzlich anderweitige Gruppen (Arbeiterverein, Georg-Verein, Harmonieclub, Kriegerverein) ihren sofortigen Anschluß. Zur Jahrhundert­wende brach dann ohnehin die Vereinsgründungswelle herein, wodurch endlich alle Schützen in Organisation und Uniform kamen. Zusätzlich wurde sich um die Mitwirkung weiterer Vereine bemüht, ein klarer Hinweis auf die Lust zum Ausbau des Festumzugs. An Schützenvereinen zählte man 1911 39 Stück, 1925 fast 50, Anfang der 1930er über 60, 1938 2.500-3.000 Schützen; wobei die Durchlaufzeit allerdings immer noch unter einer Stunde lag. Grundsätzlich beteiligte sich jeder hannoversche Schützenverein. Die Stadtteilklubs stiegen unterschiedlich schnell ein, z.B. die SG Ricklingen ab 1897 schon 23 Jahre vor der Eingemeindung, die SG Kirchrode ab 1925 erst 18 Jahre danach. Aus den bis 1974 hinter Hannovers Grenzen gelegenen Stadtteilen waren die Ahlemer und Wettberger Schützen dabei, die Anderter, Bemeroder, Misburger und Vinnhorster nicht. Ansonsten liefen nur noch die SG Empelde und die SG Langenhagen mit. Nach dem Wiederbeginn in den 1950er Jahren begründeten zwar gleich zahlreiche Vereine aus dem Umland und teils auch entfernterer Herkunft wie insbesondere Hameln ihre Teilnahmetradition, dies terminbedingt jedoch sicherlich immer nur mit kleinen Abordnungen. Die große Öffnung vollzog sich 1974 mit der Verlegung auf den Sonntag. In diesem Zuge schnellte die Zahl der Schützen von 3.000 Mitte der 1960er, über 3.500-4.000 Anfang der 1970er, auf bis zu über 6.000 Ende der 1970er Jahre empor. Heißer handelte man die Gesamt­teilnehmerzahl, als 1975 festgestellt wurde, daß der Schützenausmarsch Hannover zum größten Festumzug Europas angewachsen war. Sie schoß von 6.000-7.000 Anfang der 1970er ungestüm auf den wahnsinnigen Allzeitrekord 14.000 (= 10.000 Schützen und Sonstige, 4.000 Musiker) im Jahr 1977 und nochmal 13.000 im Jahr 1979, ehe sie sich in den 1980ern bei 11.000-12.000 einpendelte.
Über die Teilnahmeentwicklung von Musikzügen:
Obwohl sie unentbehrlich sind und im Gegensatz zu den Schützen während des Umzugs echte Arbeit verrichten, wurde den Musikern früher kaum bewußte Aufmerksamkeit geschenkt. Die Schützen galten Alles, die Musikzüge waren halt da. Entsprechend mager ist die historische Quellenlage über sie. Mit den Leistungen der Stadtkapelle unzufrieden geworden (wobei sie die Akteure wegen schlechter Instrumente in Schutz nahmen), heuerten die Schützen 1818 erstmals Militär­musiker für den Ausmarsch an. Dies klingt nicht unbedingt danach, als hätte die musikalische Begleitung zu jener Zeit aus mehr als einem Musikzug bestanden. Es ist zu vermuten, daß die quantitativ und qualitativ ausreichende Versorgung des Schützenausmarschs jahrhundertelang Probleme bereitete, denn auch diese mußte ja allein von der Stadtbevölkerung bewerkstelligt werden, und das aus Prinzip nur vom männlichen Teil, abzüglich der Schützen. Für 1911 wird die Zahl von 18 Musikzügen genannt, in den 1920er und 1930er Jahren seien es knapp 40 gewesen. Ihre Namen werden wir nie erfahren, nur daß Allgemeine Blaskapellen gegenüber Spielmannszügen recht deutlich in der Mehrheit waren. Es reichte aber bei weitem nicht, um jedem Schützenverein eine eigene Begleitung zu ermöglichen (mit welchen Konsequenzen für etwaiges frühmorgendliches Abholen von Schützen­königen?). Gemäß Photos umfaßten die Musikzüge zudem weniger Mitglieder als heutzutage. Infolgedessen müßte der Schützenausmarsch in ruhigerer Stimmung abgelaufen sein. Gut möglich, daß die vielen Zuschauer umso mehr Radau machten, was dann jedoch schon gar nicht zu stärkerem Durchdringen der Lieder führte. Nach dem 2.WK bekam man die musikalische Seite in den Griff. Bereits Anfang der 1950er Jahre konnten rund 60 Musikzüge gezählt werden, nun auch verstärkt mit weiblichem Personal. Dabei ergab sich für die 1950er, 1960er und Anfang der 1970er Jahre eine verrückte Konstellation: Terminbedingt traten weiterhin kaum Musikzüge aus dem hannoverschen Umland oder dem ferneren Niedersachsen auf. Gleichzeitig wurde aber allgemein die Völkerverständigung großgeschrieben und gefördert. Da sich für eine Auslandsreise eh Urlaub genommen werden muß, konnte dies ja für den Zeitraum des Schützenfests in Hannover geschehen. Und so durfte man stets etliche ausländische Musikzüge begrüßen, vorwiegend aus Großbritannien, Benelux und Skandinavien. Es waren auch mal sieben Stück aus England in einem Jahr dabei! Ein Vergleich mit den Zahlen der Schützenvereine zeigt, daß nicht nur mit ihnen Schritt gehalten wurde, sondern eine Überholung stattfand, um auch sonstige Gruppen adäquat zu beschallen (1964: 64; 1969: 76; 1973: 88). Im selben Zeitraum stieg die Menge der Musiker von 1.400 auf 2.500 an, nach Einführung des Sonntagstermins auf 4.000 in rund 120 Kapellen, Anfang der 1980er Jahre auf bis zu 5.000 in über 130 Kapellen.
Über die Zuschauermenge:
Zum Zuschauerinteresse in den bilderlosen Zeiten kann man nur mutmaßen. Aufgrund der Gesamtumstände (mehrere Ausmärsche, keine Ankündigung mangels Medien, sehr kurze Durchlaufzeit) ist anzunehmen, daß sich die Hannoveraner nicht von vornherein an den Straßenrand begaben, sie aber durch die Musik angeregt wurden und kurzfristig vor den Türen und an den Fenstern erschienen, wenn der Zug durch ihre Straße kam. Vielleicht war die Stadt wegen des Schützenfests ansich auch geschmückt. Im 19. Jahrhundert wuchs alles in unglaublich schnellen Schritten an, eine explodierende Bevölkerungszahl kriegte in einem Klima von immenser lokaler Bedeutung des Schützenwesens Umzüge mit ständig weiter verbessertem Schauwert zu sehen. Alte Photos haben dann auch eine ganz einfache Aussage: Beim Schützenausmarsch war es stets so voll, wie es voller nicht sein konnte. Man mußte überall um gute Sicht rangeln. Die Menschen hingen buchstäblich an den Laternenpfählen. Dies überrascht umso mehr, da die Ausmärsche ja werktags morgens stattfanden. Von außerhalb waren so kaum Zuschauer zu erwarten, was also heißt, daß sich das Publikum fast gänzlich aus Hannoveranern zusammensetzte. Zahlen müßten aus der Einwohnerzahl abgeleitet werden, welche sich von 10.000 Mitte des 18. Jahrhunderts über 30.000 Mitte des 19. Jahrhunderts, 100.000 im Jahr 1874, 250.000 im Jahr 1903, 400.000 im Jahr 1920 zu fast einer halben Million bis zum 2.WK entwickelte. Hier hätten wir mal einen Eindruck von der Stadt im Dreh 1850. Spürbare Zuspitzung auf das höchste Niveau dürfte der Logik nach 1874 herbeigeführt worden sein, als die Ausmärsche des Dienstags und Mittwochs wegfielen. Von da ab war das Verpassen eine persönliche Tragödie. Verbindet man die im Vergleich zu heute noch geringere Durchlaufzeit und längere Marschstrecke miteinander, können wir davon ausgehen, daß viele Zuschauer die Strecke damals doppelt säumten. Ganz sicher werden dazu jedes Jahr tausende Hannoveraner eigentümlich durch die Stadtmitte gehastet sein. Trotz des denkbar heimlichen Termins konnte das außergewöhnliche Ereignis dem Rest Deutschlands auch nicht völlig verborgen bleiben. Unter den Zuschauern dürften sich jährlich mehr schaulustige Touristen befunden haben, die sich den Tag für eine Reise nach Hannover freihielten. Durch die Verlegung auf Sonntag war mit noch wesentlich größeren Massen zu rechnen, wo auch immer die noch unterkommen sollten. Tatsächlich sprach die Polizei 1978 von über 500.000 Zuschauern. Seit den 1980er Jahren geht die Zahl aber stetig zurück. Statt in der zehnten Reihe zu stehen, hat man nun eher zehn Meter Platz zum Nachbarn.
Über die Schützenordnung von 1837:
Bis 1837 hatte das hannoversche Schützenwesen vollkommen in der Hand der Stadtverwaltung und ihrer eingesetzten Beamten gelegen. Durch die in jenem Jahr erlassene Schützenordnung schienen auf den ersten Blick auch wieder nur Vorschriften auf die Schützen zuzukommen. Für den Ausmarsch wurde darin bestimmt, daß sich die Teilnehmer in Sektionen von je 13 Mann zu gliedern hätten, angeordnet in drei Viererreihen hinter einem Anführer. Es mußten ein runder Hut mit Hannoverschem Kleeblatt sowie Eichenlaub getragen werden. Aber da stand noch etwas: „Züge gleichmäßig uniformirter Bürger können beim Ausmarsche eigene Sectionen bilden.“! Diese neuartige Freiheit wird als Geburtsstunde der Schützenvereine in Hannover betrachtet. Rein namentlich hatte es bis dahin zwar schon eine „Montags-Schützengilde“, einen „Schützenverein der königlichen Residenzstadt“ und eine „Neustädter Schützengesellschaft“ gegeben, denen aber die typischen Vereins­eigenschaften fehlten. Nun erfolgte umgehend am 6. Juni die Gründung der „Uniformirten Schützengesellschaft“. Auf die spätere Darstellung in USG-Chroniken, der anfängliche Name wäre dagegen „Uniformirtes Schützencorps“ gewesen, gibt es ansonsten keine Hinweise. Jedenfalls trat der Verein schon bei den Ausmärschen des Jahres 1837 mit drei Sektionen an. Seine Uniform bestand in Anlehnung an die Militäreinheit „Hannoversche Jäger“ aus grünem Interimsrock (halblanger Mantel), goldenem Koppel, weißer oder schwarzer Hose (uneinige Quellenangaben), schwarzem Zylinder mit gelb-weißem Band, und einem Hirschfänger (einer Art Dolch) zusätzlich zum Gewehr. Im Jahr darauf marschierten bereits sechs Sektionen in dieser Aufmachung. Die Mitglieder sortierten sich dabei von vorn nach hinten absteigend nach dem Alter. 1840 setzte man durch, in zwei Sechserreihen statt in drei Viererreihen gehen zu dürfen, was offenbar als mächtiger empfunden wurde. Während der übergeordneten Ereignisse der Deutschen Revolution legten die Mitglieder ihre gemeinsame Uniform ab und lösten den Verein auf, hielten aber als lockerer Bund zusammen. 1854 entstand daraus von Neuem die „Uniformirte Schützengesellschaft v. 1837 Hannover“. 1861 wurde der Zylinder gegen einen grauen Schützenhut getauscht. Trotz des Durchbruchs kamen die Organisierung des Schützenvolks und die Uniformierung beim Schützenausmarsch nicht so recht voran. Weitere Schützenvereine bildeten sich im Laufe des Jahrhunderts nur schleppend, und von einem Mitgliederansturm wird auch nirgends berichtet. Bis zur gewaltigen Gründungswelle um 1900 blieb es also dabei, daß jede Menge zwar herausgeputzter, aber nicht-uniformierter Männer hinter einigen wenigen Schützenvereinen hergingen. Die USG 37, der VfF 62 und der HJK 78 ließen sich traditionell als erste Nummern der Züge aufstellen (ab der Einteilung in vier Züge auch die Nordstädter SG 93). Irgendwelche Bedeutung konnte die USG 37 nach der Anfangszeit aber nie mehr in Hannover erlangen, außer daß sie mit ihrem bald antiquierten Aufzug ein Wahrzeichen des Schützen­ausmarschs verkörperte. Man hat sich die Erscheinung ähnlich vorzustellen, wie sie heute vorwiegend im Rheinland zu beobachten ist: Hier klicken. Von einem Einzelvertreter der USG 37 wurde noch 2007 ein Hirschfänger mitgeführt, s. Bild.