Grundwissen/Eckdaten Substanzaufbau Verschwundenes
1. Bildertafel 2. Bildertafel 3. Bildertafel
Kleine Fundstücke Vereinsfriedhof zum Hauptbereich →





- ASPEKTE DES SUBSTANZAUFBAUS -
Einbeziehung der Calenberger Neustadt
Seit 1814 betrieben die Bürger der Calenberger Neustadt eigene Schieß­wettbewerbe und Schützenfeste. Die Schützen marschierten ebenfalls montag­morgens aus, und zwar vom Rathaus in der Bäckerstraße (heute westliches Ende des Ernst-Thoms-Wegs) zur Schießbahn in Herrenhausen. Als die Calenberger Neustadt 1824 nach Hannover eingemeindet wurde, legte man dann auch das Schützenwesen zusammen. Wenn sich Hannovers Einwohnerzahl dadurch um ein knappes Drittel vermehrte, wird man selbigen Zuwachs auch für den Schützen­ausmarsch annehmen können. Zur Veranschau­lichung hier ein Stadtplan von 1822. Die Calenberger Neustadt umfaßte das ganze Gebiet westlich der Leine.
Bruchmeister / Anzahl der Züge
Im Stadtgeschehen erstmals 1303 erwähnt, kamen Bruchmeister beim Hannoverschen Schützenfest gegen 1659 ins Spiel. Sie hatten die Aufgabe, über die allgemeine Ordnung zu wachen. Anfangs waren sie nur zu zweit. Seit wann die Bruchmeister auch die einzelnen Abteilungen (später: Züge) des Schützen­ausmarschs anführten, läßt sich nicht ermitteln, aber da 1837 gleichzeitig die Anzahl der Abteilungen auf drei erhöht und eine dritte Bruchmeisterstelle eingerichtet wurde, müßte es zu der Zeit schon Gepflogenheit gewesen sein. Ihre Ausstattung bestand aus komplett blauer Uniform und einem Degen nebst der Fahne. Blau trugen desgleichen die sie begleitenden Funktionäre („Schützen­deputierte“) sowie auch der frühmorgendliche Ausrufer. Über den Sinn der „unhannoverschen“ Farbe Blau kann man nur spekulieren. Schwarz hätte damals nicht herausgestochen, weil der Großteil der Zugteilnehmer noch nicht in Schützenkleidung gewandet war, sondern in „anständigen“ meist schwarzen Anzügen ging. Rot, Gelb und/oder Grün wären zumindest seit der Einteilung in die drei Züge mit jenen Zugfarben nicht neutral bzw. nicht einheitlich gewesen. Spätestens ab 1905 kleideten sich die Bruchmeister dann in einem umgekehrt zu den Schützen verlaufenen Prozeß schwarz. Nachdem die in kürzester Zeit auf 80.000 Einwohner angewachsene Stadt Linden nach Hannover eingemeindet worden war, mußte die Zahl der Züge und somit auch die der Bruchmeister sinnvollerweise auf vier erhöht werden. Das geschah zu 1927. Als vierte Zugfarbe wählte man Weiß. Gewissermaßen entstammt das Weiß nicht nur der rot-weißen Flagge Hannovers, sondern auch der blau-weißen Flagge Lindens. Historisch hatten die Kulturgüter Zugfarben und Bruchmeister-Amt gegenüber anderen Dingen wahrscheinlich nicht annähernd den Stellenwert wie jetzt. Nicht daß es keine Veränderungen geben dürfe, nur ist die Begründung mit Tradition dann schnell verfälschend, wenn nicht sogar geschichtsvergessen.

Reiterstaffel
Einstmals existierte eine Schutzeinheit, die zu Pferde Wagen von Kaufleuten bzw. Fuhrleuten bis in die nächste Stadt begleitete. Von ihr soll angeblich die Gilde-Reiterei abstammen, benannt nach der Fuhrmannsgilde. Diese Erklärung, wie sie auf Nachfrage auch von der Gilde-Reiterei selbst geäußert wird, ist ein Ammenmärchen. Es mag höchstens sein, daß die historische Einheit auf dem Festplatz bisweilen turnierartiges Ringreiten vorführte. Die Reiterstaffel des Schützenausmarschs wurde dagegen wesentlich später aus Schützenkreisen heraus speziell zur Zierde des Umzugs begründet. Am wahrscheinlichsten ist der Start im Jahr 1899 (beim Bundesschießen 1872 hatte es bereits einen Vorläufer gegeben; die Jahreszahl 1884 im Vereinsnamen des Gilde-Reiterei e.V. ist nicht erklärlich). Initiator könnte die Bürgerschützengesellschaft v. 1897 gewesen sein. Organisatorisch setzte sich die Reiterstaffel einfach jedes Jahr auf`s Neue aus Schützen verschiedener Herkünfte zusammen. Wegen ihres guten Zugangs zu Pferden waren berufliche Fuhrleute besonders stark vertreten, woher wohl die falsche Assoziation rührt. Einen Namen bekam die Staffel zunächst nicht; die Quellen schreiben meist von „berittenen Schützen“. Drei vorweg positionierte Reiter stellten Herolde (= Boten) aus der Geschichte Hannovers dar. Der Hauptblock trug und bewahrte sich mit schwarzem Frack und Zylinder die typische Aufmachung der Schützen aus den 1890er Jahren. Im Kaiserreich ordnete man die Reiterstaffel anscheinend mitten im Zug an, ob wahllos oder nach Regel ist unbekannt. In den 1920er Jahren übernahm die „Bürgerschützengilde“ die Verantwortung für die Reiterei, in den 1930er Jahren war es die Nordstädter Schützengesellschaft v. 1893. Die Nummer stand dann an der Spitze desjenigen Zuges, in welchen diese Gruppen gesetzt waren, und das wurde ständig durchgemischt. Bei der Bürgerschützengilde handelte es sich um einen lockeren Zusammenschluß von rund einem Viertel der hannoverschen Schützenvereine - auf sie bezieht sich sehr wahrscheinlich der Name der Gilde-Reiterei. Nach dem Wiederbeginn in den 1950er Jahren stellte der Hannoversche Jagdklub v. 1878 eine zusätzliche Reiterstaffel in roten Jacken, so daß vorübergehend zwei Züge auf diese Art angeführt wurden. Bald darauf müßte sich das Muster mit nur der Gilde-Reiterei ganz vorn herauskristallisiert haben. Für die zuletzt noch zwei gelb-rot gekleideten Herolde mit Sachsenroß auf der Brust ist bisher ab den 1970er Jahren kein Nachweis mehr aufgetaucht. Von 1999 bis 2002 ritt ein Trupp Historiendarsteller voraus, worüber keine näheren Kenntnisse vorliegen. Statt Zylindern trägt die ohnehin nur noch klitzekleine Gilde-Reiterei heute Reitkappen.
Einbeziehung von Linden
In der kurzen Zeit, da Linden eine richtige und noch selbständige Stadt war, wurden immerhin von 1907 bis 1913 ebenfalls große Schützenumzüge abgehalten. Auf den Bildern - im rechten ist eine der typischen Kanonen eingefangen - biegt er vom Kötnerholzweg gen Osten in die Limmerstraße ein. Wo der Startpunkt lag, ist unklar. Wenn die Sprache auf das Ziel kommt, muß man zunächst verstehen, daß der Fluß Ihme damals in einem Schlenker quer über die Fläche des heutigen Schützenplatzes verlief. Am östlichen Ufer hatten die Hannoveraner ihren Festplatz, am westlichen Ufer die Lindener ihren. Daß also beide Schützenvölker zu jeweils eigenen und doch zum gleichen Ort marschierten, ist schon eine Geschichte zum Schmunzeln. Mit der Eingemeindung Lindens nach Hannover (1920) gliederten sich auch die Lindener Schützen in den Schützenausmarsch ein. Zwar findet zusätzlich auch ein renommiertes Lindener Schützenfest statt, dessen Umzug allerdings kurz vor dem Zerfall zu stehen scheint.


Morgendliche Vormärsche der Vereine
Der Beginn des Schützenausmarschs um 8 Uhr war Hannovers Schützen irgendwann nicht mehr früh genug. Sie dachten sich den Vormarsch aus, bei dem die verschiedenen Schützenkönige (im Fachjargon: Kettenträger) von zuhaus abgeholt werden, immer wieder unterbrochen von Frühstückspausen und kleinen Umtrunken. Wann diese Sitte Einzug hielt, ist unbekannt, doch kann sie erst mit der Vereinsgründungswelle um 1900 weitreichende Bedeutung erlangt haben. Dann aber machten die Vormärsche den Tag des Schützenausmarschs sprichwörtlich zu „Hannovers längstem Tag des Jahres“. Schon ab 1 Uhr schmetterte Blasmusik durch die Straßen der Stadt! Abläufe und Strecken wurden teils sogar über die Zeitungen angekündigt. Besonders die Vereine aus der Kernstadt nahmen ihren Vormarsch sehr wichtig, während er bei denjenigen aus den äußeren Stadtteilen eher auf die dortigen eigenen Schützenfeste fiel. Zusammen mit dem Schützenwesen allgemein gingen natürlich auch die Vormärsche wieder zurück. Unter den bestehenden Vereinen frönen noch etwa 50% dieser Tradition (wovon wiederum die Hälfte es entschärft am Samstagnachmittag tut). Zumal es für sie beim Schützenausmarsch heute erst zwischen 10 und 12 Uhr losgeht, hat sich das Antreten zum Vormarsch allerdings auf meist 4 Uhr verschoben. Da ja nach dem Schützenausmarsch auch kein Schießwettbewerb mehr stattfindet, und nicht unbedingt jeder bis zum nächsten Morgengrauen durchfeiern muß, stellt sich der Tag mittlerweile weniger als Überlebenskampf dar. Gleichwohl fordert er Anstrengungen heraus, ohne die sich ein Teil der Schützen und Musiker den Schützenausmarsch nicht denken kann.
Jagdhundmeute
Für den Schützenausmarsch 1927 hatte der HJK 78 die großartige Idee, sich die Jagdhundmeute der damaligen Kavallerieschule Hannover auszuleihen. Probe­halber ließ man die zugehörigen Pferde erstmal weg (s. Bild). Ab 1928 wurde dann das vollständige Kunstwerk organisiert, wie es bis heute, mit längst gewechselter Herkunft und Verantwortung, allseitige Beliebtheit genießt. Neben der Niedersachsenmeute aus der Lüneburger Heide wetzte von 1999 bis 2005 als zweite Gruppe auch die ehemalige Wedemärker Beagle-Meute durch die Straßen.
Schützinnen
Mit der Zulassung weiblicher Schützen änderte sich das Antlitz des Umzugs erheblich. Vor dem 2.WK gab es solche nicht zu sehen. Einige Wochen nach dem Schützenausmarsch 1938 gründete zwar der HJK 78 als erster Verein eine Damenabteilung, aber von derer Teilnahme bei der einzigen Möglichkeit 1939 ist nichts bekannt (kurioserweise besaß der HJK 78 danach bis in die 1980er Jahre hinein keine Damenabteilung). Der 1940 gegründete „Erste Kleinkaliber-Frauen-Schützenverein Hannover“ hatte dazu eh nicht mehr die Gelegenheit. 1952 war es dann soweit: Die Damen der „Schützengesellschaft Ernst-August“ vollzogen den revolutionären Akt !! Evtl. bedeutete dies für Schützenumzüge eine deutschland­weite oder Weltneuheit. Von da an schossen Damenabteilungen sowie auch mehrere reine Frauenklubs wie Pilze aus dem Boden. In einer Zeit, als das weibliche Geschlecht gesellschaftlich-rechtlich noch als minderwertig galt, marschierten sie mit einem Stolz und einem Selbstbewußtsein beim jahrhundertelang ur-männlich gewesenen Schützenausmarsch mit (s. Bild vom „Hannoverschen Damen-Schießsportklub“ 1962), daß man sich die Augen reiben mußte. Alles freute sich über diese Entwicklung; Widerstand gab es keinen. Was aber nicht heißt, daß nun auch die Männer unter den Zuschauern begonnen hätten, zum Tätscheln auf die Bahn zu rennen. Ihre Fahnen und Standarten ließen sich die Damen übrigens stets von männlichen Helfern tragen, wie auch heute noch beim DSC Linden der Fall.



Festwagen
Es läßt sich mit weitreichender Sicherheit sagen, daß historisch niemals Wagen irgend einer Art beim Schützenausmarsch mitfuhren. So etwas wurde schlichtweg als völlig wesensfremd ausgeschlossen. Daran änderte sich auch nichts, nachdem die Festumzüge der von Hannover gastgebend veranstalteten „Bundesschießen“ mit ihren überaus prächtigen Festwagen in der Stadt erlebt worden waren (1872: 3 Stück; 1903: 14 Stück). Obwohl klar sein mußte, daß sich auch der normale Schützen­ausmarsch mit solchen Objekten bedeutend hätte verschönern lassen, sprach offensichtlich ein sehr starkes Ethos dagegen. Eine Kutsche, wie sie oben auf dem Photo vom Lindener Umzug vor dem 1.WK auftaucht, wäre zur gleichen Zeit vom Schützenausmarsch Hannover nicht bekannt. In den 1920er Jahren wanderten dann als erstes die beiden Lindener Kanonen ein. Ansonsten ließ die Zugleitung während der Weimarer Republik mit äußerst ablehnender Wortwahl auch „Wagen“ zu. Diese Möglichkeit richtete sich nur an die Schützenvereine, durfte ausschließlich zum Zwecke der Beförderung Kriegsgeschädigter genutzt werden, und befahl die Einsortierung ganz am Ende des Zuges. Daran ist zu erkennen, daß Wagen noch immer nicht als Aufwertung und Auflockerung verstanden wurden, sondern lediglich eine Antwort auf das Prinzip sein konnten, wonach jeder am Schießen teilnehmende Schütze zuvor unbedingt physisch die Marschstrecke zurückgelegt haben mußte. Wie in so vieler Hinsicht bedeutete die Pause durch den 2.WK diesbezüglich einen Bruch. Anfang der 1950er Jahre wurden Eingliederungen an allen vier Zugenden erlaubt. Doch dann schüttelte man lieber die Engstirnigkeit ab, um mit Freude verschiedene geschmückte Wagen einzustreuen, ob von den Schützenvereinen, den Brauereien oder bald auch anderen Anbietern.
Faschingsvereine
Eine weitere Aufweichung ging mit dem Einstieg der Faschingsvereine einher. Hierzu muß man wissen, daß ein Faschingsumzug in Hannover erst seit 1992 veranstaltet wird. Davor hatte dieser Kreis mangels eigener Masse den Anschluß an den Schützenausmarsch gesucht. Den Auftakt machten die rot-weißen Garde­mädchen der „Leinespatzen“ im Jahr 1959. Sonderlich aus dem Rahmen fielen sie nicht, da sich zugleich die Turnvereine TKH und VfL mit weiblichen Fahnen­schwenker­gruppen am Umzug beteiligten. Anbei sind als älteste Bildzeugnisse Mädels der „Hannoverschen Karnevalsgesellschaft Grün-Weiß“ 1966 und des „Hannoverschen Carneval-Clubs“ 1968 oder 1969 festgehalten.



Vorzug
Es ist unwahrscheinlich, sollte es in der langen Geschichte des Schützen­ausmarschs nicht immer wieder mal etwas wie einen Vorzug gegeben haben. Die Tradition des jetzigen Vorzugs reicht jedoch nur bis auf ein noch nicht ermitteltes Jahr zwischen 1954 und 1966 zurück. Davor hatte sich lediglich der faktische Eindruck einer vorgesetzten kleinen Zugspitze geboten. Sie bestand weitgehend aus vermutlich vier „Tambouren“, das heißt Trommlern. Zum Alter der Tambour-Nummer läßt sich immerhin festhalten, daß 1840 das „Schützenkollegium“ (Organisationskomitee) bei der Stadtbehörde eine Beihilfe in Höhe von 40 Thalern Courant für eine neue Uniformierung beantragte. „Tamboure“ ansich wurden beim Schützenfest aber schon im 17. Jahrhundert erwähnt. Sicherlich überschnitt sich das Personal mit demjenigen des frühmorgendlichen Ausrufens (s. nächste Seite); die Uniformfarbe wäre demnach zumindest zeitweise Blau gewesen. Formell gehörte diese Zugspitze bereits zum 1. Zug. Daß der Bruchmeister mit seiner Zugfahne nach hinten rutschte, störte nicht, zumal - bis zum 2.WK - alle Bruchmeister sowieso noch eine Kapelle vor sich laufen hatten. Ganz anders als heute erfuhren die Schützenkönige beim Ausmarsch keine besondere Würdigung. Sie konnten nur innerhalb ihres Vereinsblocks exponiert aufgestellt werden. Lediglich eine einzige Anmerkung von 1849 regte mal an, daß die drei besten Schützen des Vorjahres auch mit vorn gehen sollten. Für 1934 schickte man einmalig einen Vorzug voraus, genannt „Fahnenabteilung“, da in ihm hauptsächlich die Fahnen der zwangs­aufgelösten Schützenvereine getragen wurden. Der Vorzug im jetzigen Sinne erhielt nach seiner Einrichtung überhaupt keinen Namen. Erst ab 1982 findet sich dafür die Bezeichnung „Vorspann“, seit ungefähr 1989 ersetzt durch „Vorzug“.
Im Fernsehen
1911 wurde der Schützenausmarsch gefilmt - für die französische Wochenschau! Möglicherweise schmort der Streifen bis heute in einem Institut in Frankreich vor sich hin. In der Deutschen Wochenschau kam der Schützenausmarsch hingegen nicht vor, ebensowenig wüßte man etwas über frühere Berichterstattungen im Fernsehen. Erst anläßlich des 450. Schützenfest-Jubiläums 1979 wurden ARD und ZDF auf Europas größten Festumzug aufmerksam. Von da an erhielt der Schützen­ausmarsch jedes Jahr Sendezeit in der „Tagesschau“ und in den „heute“-Nach­richten (Beispiel). Wie gleichfalls auch der Rottweiler Narrensprung erfuhr er besondere Würdigung als Flaggschiff seiner Gattung. Vermutlich in den 1990er Jahren war damit aber wieder Schluß. Dafür überträgt der NDR seit 1983 durchgängig live vom Schützen­ausmarsch. Trotz beeindruckender Aufnahmen aus dem Hubschrauber löste bereits die Premiere breites Entsetzen aus. Woran sich auch nichts mehr ändern sollte. Die Sendung kann nicht ernstgemeint sein.
Kundgabe der Zugaufstellung
Soweit es sich zurückverfolgen läßt, hießen die Zugaufstellungen früher „Zug­ordnung“, oder der sprachlichen Abwechslung halber auch mal „Zug­einteilung“. In den 1960er Jahren wurde der Begriff fallengelassen, und zwar unverständlicher­weise ersatzlos. Beim großen Einschnitt 1974 versuchte man „Zugfolge“ einzuführen, doch setzte sich um 1978 vielmehr „Zugaufstellung“ durch. Obwohl das Veröffentlichen und offenbar auch das begierige Studium der Zugaufstellungen als unabdingbarer Bestandteil zum Schützenausmarsch gehörte (nicht zuletzt weil direkt darunter auch die veränderlichen Streckenverläufe abgedruckt waren), ist die einstige Art schwer zu begreifen. Die Auflistungen nannten keine Musikzüge und sonstigen Gruppen, sondern ausschließlich die Schützenvereine sowie die Reiterei. Ab den 1960er Jahren waren - mit zwischenzeitlichen Rückfällen - allmählich die Festwagen und sonstigen Gruppen enthalten, dann von den Musikzügen zunächst die weitgereisten. Vollständige Zugaufstellungen gibt es gerademal seit 1974. Gestalterisch muß noch nach Fachzeitungen und Tageszeitungen unterschieden werden. Erstere räumten genügend Platz für die Tabellenform ein, Letztere brachten die Zugaufstellung bis 1977 als zähen Fließtext. Und selbst danach fehlten die Startnummern, ohne die sich doch schon die Teilnehmer heillos verfranzen müßten. Aber vielleicht gab es sie einfach noch nicht. Es könnte tatsächlich sein, daß Startnummern eine Neuheit zum Jahr 2000 waren ...

Lebendiger Ballerkalle
1975 kam das Schützenfest-Maskottchen „Ballerkalle“ zur Welt. Als werbende und wiedererkennbare Zeichnung ist er eine große Erfolgsgeschichte, wohingegen die lebendig gewordene Schöpfung kaum Bedeutung erlangen konnte. Seit wann die Figur beim Schützenausmarsch mitläuft, ist nicht ermittelt. Das obere Bild stammt jedenfalls von 1991, und verrät uns, daß man Ballerkalle da im Zug noch nicht so weit vorn plazierte. Darunter sehen wir die bis einschließlich 2016 gültige Ausführung, von der manchmal auch ein Zwillingspärchen im Einsatz war.