Grundwissen/Eckdaten Substanzaufbau Verschwundenes
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- VERGANGENES UND VERSCHWUNDENES -
Schützenschaffer, Schützenkollegium
Um den gesamten Ablauf des Schießbetriebs und damit auch um den Schützenausmarsch kümmerten sich fast 200 Jahre lang zwei „Schützenschaffer“. Für diese Aufgabe wurden sie als Beamte von der Stadtbehörde abgestellt. Nach 1807 versiegen die Erwähnungen dieses Amtes. Dafür trat das „Schützenkollegium“ in Erscheinung, bestehend aus einem Vertreter der Stadtbehörde und sechs „Schützendeputierten“. Beim Schützenausmarsch gingen sie verteilt neben den Bruchmeistern mit. Zu 1936 wurde das Gremium beseitigt. Selbstredend arbeiten seither weiterhin Funktionäre an den Aufgaben. Daß sie keine Autoritäten mehr darstellen, ja eigentlich niemandem bekannt sind, weshalb auch ihr Tun kaum hinterfragt wird, ist ein deutlicher Unterschied zu Zeiten als das Schützenwesen in Hannover noch so große Bedeutung hatte. An wenigen Orten, alle im hannoverschen Raum, sind die alten Amts- und Gremiumsbezeichnungen noch lebendig: „Schützenschaffer“ z.B. in Celle und Wennigsen, „Schützenkollegium“ z.B. in Lehrte und Pattensen.
Vier Quartiersfahnen
In der frühen Neuzeit wurden die Bürger Hannovers für Ordnungs-, Reinigungs-, Verteidigungs- und Brandlöschzwecke in vier Riegen eingeteilt. Die Zuordnung richtete sich nach der Lage der Wohnstätte bezogen auf die vier wesentlichen Straßenzüge. Jede Riege mußte eigenverantwortlich eine einfarbige Fahne führen, unter der sich die Mitglieder im Einsatzfall sammelten. Es galten folgende Farben: Gelb für die Leinstraße (= Burgstraße, Holzmarkt, Leinstraße), Grün für die Köbelinger Straße (= Knochenhauerstraße, Am Markte, Köbelinger Straße, Köbelinger Markt), Rot für die Marktstraße (= Schmiedestraße, Marktstraße, Breite Straße), Weiß für die Osterstraße (= Osterstraße einschließlich des zur Fußgänger­zone gewordenen Teils früheren Namens Kopperschlägerstraße). In den Jahrzehnten um 1600 traten die Riegen auch im „Riegenschießen“ gegeneinander an. Dazu zogen sie mit den genannten Fahnen und jeweils zwei gleichermaßen bemalten Trommeln aus. Heute wird die unsterbliche Legende erzählt, die Einteilung des Schützenausmarschs in vier Züge ginge auf jene vier Stadtquartiere zurück, z.B. (hier). Nur stimmt das einfach nicht. Das Riegenschießen verlief im Sande, wohingegen das Schützenfest aus dem Johannisschießen hervorgegangen ist. Mit der erst nach und nach vorgenommenen Unterteilung des Schützen­ausmarschs in vier Züge besteht keinerlei Zusammenhang. Daß für die Zug­standarten wieder die selben Farben verwendet werden, entspricht schlicht den hannoverschen Verhältnissen (alte Stadt­flagge = Rot-Gelb-Grün; neue Stadtflagge = Rot-Weiß; Königreich = Gelb-Weiß; Schützenwesen = Grün-Weiß). Bei Vierfarbigkeit bilden Weiß/Rot/Gelb/Grün nun auch keine unwahrscheinliche Auswahl; genauso ist diese z.B. beim Kölner oder beim Braunschweiger Karneval anzutreffen.

Ausrufung / Freischießen
Jahrhundertelang schlugen am Montagmorgen vor dem Ausmarsch zum Schießwettbewerb ab 4:30 Uhr zwei Trommler einen „Generalmarsch“ (Hörprobe) durch die Stadt. Um 5 Uhr folgte der sogenannte „Schützenknecht“, der mit immer gleichem Ausruf zur Teilnahme am Schießen - und somit auch am Umzug - aufforderte. Das obige Aquarell von spätestens 1756 soll ihn zeigen. Da auch zu seiner Ausstattung eine Trommel gehörte, von einer Waffe aber nichts bekannt wäre, müßte die rechte Figur gemeint sein. Deutete man die rot-gelb-grünen Rosettchen am Trommel-Umhängeband als bewußte Anordnung, wäre das übrigens die einzige bekannte Bilddokumentation der früheren hannoverschen Stadtfarben. Der Ausrufetext ist zunächst wie folgt überliefert: „Hört jy, Börger und Börgers Kinner, wer will mit geneiten, mit der Mußketen, mit dem Dobbelhaken, mit dem Paßrohr na der Schibe scheiten?! Er habe Schaden oder Gewinn. Er soll von Stund an auf das Brauerhauß kommen!“. Den Doppelhaken, eine sehr schwere und laute Waffe, faßte man gegen 1760 schon nicht mehr an. In der jüngeren Fassung bildet sich die waffentechnische Entwicklung ab: „Hört, Bürger und Bürgerskinder, und wer will mit genießen, nach der Scheibe schießen, mit der Büchse und dem gezogenen Gewehr, komm` um 7 Uhr zum Rathhause her!“. Der Stadtbehörde war eben sehr an schießtüchtigen Bürgern gelegen, weshalb sie die Wettbewerbe auch als „Freischießen“ veranstaltete, bei denen man sich durch gute Leistungen von der Steuerlast befreien konnte. Noch bis zum 2.WK betraf das wenigstens die Grundsteuer. 1950 versuchte der „Verband Hannoverscher Schützenvereine“ diesen Anreiz zu retten, scheiterte aber natürlich am Gleichheitsgrundsatz. Damit war dann die Bezeichnung „Freischießen“ Geschichte. Wann das frühmorgendliche Werben endete, ist unbekannt. Es hätte ja irgendwann nur noch nostalgischen Hintergrund gehabt, anstatt daß tatsächlich eine spontane Beteiligung am Schießen erlaubt gewesen wäre. Nach derzeitigem Informationsstand könnte der Schützenknecht mit dem späteren „Schützendiener“ identisch sein. Das hieße, er ging zusammen mit Trommlern noch bis in die 1930er Jahre an der Spitze des Schützenausmarschs. Ähnliche Sprüche sind heute noch immer bei den Schützenfesten in Neustadt/Rübenberge und Burgdorf (anklicken) zu hören.



Bürgerwehr-Jahre
Zu den Ausmärschen im Revolutionsjahr 1848 erschienen die Schützen verstärkt mit zusätzlichen Einwohnern als Bürgerwehr. Schwarz-rot-goldene Fahnen wehten über dem Zug. An den Hüten war das Hannoversche Kleeblatt durch Kokarden in selbigen Farben ausgetauscht. Damit nicht genug, der Schützenausmarsch enthielt plötzlich auch eine Kavallerie (Pferde) und eine Artillerie (Kanonen), wohlgemerkt nicht vom Staat aufgestellt sondern von den Bürgern gegen ihn gerichtet. Adressat dieses Zähnefletschens war im Grunde der - unmittelbar an der Marschstrecke ansässige - König Ernst August I. Daß dieser sich bis dahin bekanntermaßen als schützenfestfreundlich gezeigt hatte, wurde verdrängt. Um keinen weiteren Aufruhr zu schüren, zog sich der König nun einstweilen vom Geschehen zurück. Stadtbehörde und Schützenkollegium (Organisationskomitee) konnten das Schützenfest gegen den Willen der Schützen unmöglich wieder sauberbekommen, weshalb auch sie mit dem Königshaus im Klinsch lagen. Alle Seiten waren sich des Werts sowohl des Schützenfests als auch des Hauptstadt-Status` von Hannover bewußt, und doch herrschte Kalter Krieg. Die Schützen hätten ihn auflösen können, aber wozu sollten sie? Ein Bürgerwehr-Charakter war schließlich immer von ihnen verlangt worden, wenn auch nur zum Zwecke der Verteidigung. Jetzt im Rahmen der Revolutionsstimmung bot sich die Gelegenheit, mal selbst Macht zu demonstrieren. Und damit gedachte man gar nicht mehr aufzuhören. Während nach 1849 fast alle Bürgerwehren in deutschen Landen wieder einschliefen, hielt sich ausgerechnet der Schützenausmarsch Hannover als Hort der politischen Spannung. Die Abläufe waren durchzogen von Sticheleien und Selbst­behinderungen, z.B. spielten die beteiligten Militärkapellen einerseits und die unabhängigen Kapellen andererseits im gleichen Zug Lieder mit gegensätzlichen Bedeutungen. Satte neun Jahre lang bis einschließlich 1856 wurde der Zwist getrieben! Ein Nachklatsch ereignete sich noch 1861, als Gastschützen aus Wolfenbüttel (Herzogtum Braunschweig) überraschend eine schwarz-rot-goldene Fahne mitführten. Zeitungen verbreiteten in ganz Deutschland die Meldung, daß die Fahne polizeilich beschlagnahmt worden sei, um eine Provokation für den - allerdings blinden - König Georg V. zu vermeiden, woraufhin die braunschwei­gischen Gäste erbost abgereist wären. In Wahrheit hatte man das Stück nur wegen eines Regenschauers unter schützendes Dach gebracht. Schwarz-rot-goldene Symbolik erlebte eine Wiederkehr in mehreren geraden Jahren ab 2006. Da statteten sich viele Teilnehmergruppen modisch mit Fanartikeln anläßlich der zeitgleich laufenden Fußball-WM oder -EM aus.
Viermal Bundesschießen
Vier von insgesamt 23 „Bundesschießen“ richtete Hannover aus: 1872, 1903, 1955 und 1965. In allen Jahren gingen sämtliche hannoverschen Schützen­veranstal­tungen im Bundesschießen auf. Deshalb entfielen die montäglichen Schützen­ausmärsche zugunsten der Umzüge des Bundesschießens, und die ereigneten sich sonntags (!) vom Nachmittag bis in den Abend. Es versteht sich von selbst, daß sie deutlich aufwendiger ausgeschmückt waren als der übliche Schützenausmarsch. Auch die Streckenverläufe sprengten den gewohnten Rahmen. 1872 kam der Zug von Herrenhausen über die Herrenhäuser Allee (von deren damaligem Zustand man sich hier ein Bild machen kann) in die Stadt, um schließlich auf dem Schützenplatz einzukehren. Auf der fast 8 km langen Strecke waren 8.000 Schützen unterwegs, viel mehr als in Hannover je zuvor. Zur Entgegennahme des Bundesbanners gab es dabei einen Zwischenhalt auf dem Opernplatz (damals: Theaterplatz). Unter den Teilnehmern stachen einige New Yorker hervor, vor allem aber 400 in braunen Jacken marschierende Österreicher, die so kurz nach der - unter Ausschluß ihres Landes angefertigten - Gründung des Deutschen Kaiserreichs vehement ihr Deutschtum bekundeten. 1903 wurde am Königsworther Platz gestartet und ebenfalls zum Schützenplatz gekurvt. Die Übergabe des Bundesbanners erfolgte diesmal auf dem Marktplatz beim Alten Rathaus, welcher ja aber so klein ist, daß der Zug währenddessen für eine Viertelstunde auf der Strecke gestanden haben muß. Unter Mitwirkung von Vertretungen anderer gesellschaftlicher Kulturzweige wie Sängern, Turnern und Keglern entfaltete dieser Umzug eine dermaßene Pracht, daß sie von den Augenzeugen kaum zu verarbeiten war. Anschließend wurden Sammelbilder davon gehandelt! Die beiden späteren Veranstaltungen hatten es nicht leicht, über den dann in seiner totalen Hochphase befindlichen Schützen­ausmarsch noch hinauszuragen. 1955 fiel das Bundes­schießen sogar genau in die kalendermäßige Schützenfestwoche, während Hannover für den 1965er Umzug - mit angeblich 13.000 Teilnehmern - schon am 27. Juni bereit sein mußte. Nach dem Auftakt am Neuen Rathaus diente beide Male das mit Zuschauern vollbesetzte Niedersachsenstadion als Ziel.
Mitführen von Waffen
Früher war es gar nicht anders denkbar, als daß die marschierenden Schützen Gewehre trugen. Ohne Waffen hätte das Gesamtbild nicht gestimmt. Besonders seit der Gründung von Schützenvereinen ergab sich dieses Muß eigentlich von selbst, denn deren Uniformierung soll ja Exerzierhandlungen ansehnlich machen, welche sich - man kennt es vom Militär her - wiederum viel um das Gewehr drehen. Bei Beginn des Ausmarschs präsentierten die hannoverschen Schützen in der Tat ihre Gewehre. Dazu wurden ihnen unmittelbar vor dem „Doubliertritt“-Kommando einige Ansagen gemacht. Es ist auch zu bedenken, daß die Schützen ja wirklich zum Schießwettbewerb auszogen. Hätte nicht jeder seine Waffe bei sich gehabt, wäre es entweder eine riesige logistische Herausforderung gewesen, alle Waffen bereits vor Ort warten zu lassen, oder die Schützen hätten mit unvertrauten Waffen schießen müssen. Zu den ersten Umzügen nach dem 1.WK, 1923 und 1924, sprach das leitende „Schützenkollegium“ aus Taktgefühl ein Mitführverbot aus. Unter Protest haderten die Vereine und der Verband schwer mit diesem Zustand. Von 1925 an „bewaffneten“ sich die Schützen wieder. Nach dem 2.WK kam dies nach allgemeinem Dafürhalten echt nicht mehr in Frage. Anders als in manchen anderen Orten entstanden in Hannover auch keine Bestrebungen, den elementaren Gebrauchsgegenstand eines Schützen wenigstens als hölzerne Attrappe nach­zubilden. Bei auswärtigen Schützenvereinen kann man solche in seltenen Fällen erblicken (z.B. bei der SG Historisches Frei­schießen Wennigsen). Nach einer Quelle soll 1980 nochmal der „Jagdklub Diana List“ mit Gewehrattrappen gegangen sein.
Lindener Kanonen
In Linden pflegte man die Tradition, bei den Schützenumzügen grundsätzlich zwei Kanonen mit über die Strecke zu rollen, gezogen von jeweils vier Pferden. Schon 1843, zu Zeiten als Dorf, wurde das beobachtet. Später besorgte die Schützen­gesellschaft Linden 04 das Spektakel. Seit ihrer Eingliederung bereicherten die Lindener - bis zum 2.WK - auch den Schützenausmarsch Hannover mit diesen besonderen Schaustücken. Wobei sie stolz darauf waren, daß der Guß von den ortsansässigen Egestorff-Werken (= Hanomag-Vorläufer) stammte.
Schützenausmarsch 1950
Den Umzug des Jahres 1950 muß man ohne zu zögern als dramatischsten in der Geschichte einstufen. Aus Sicht der Stadtbehörde gab es in der zertrümmerten Stadt drängendere Angelegenheiten als den Schützenausmarsch, weshalb sie sich weigerte, nun schon den Neuanfang zu organisieren. Hannovers Schützen fühlten hingegen, daß diese Einkehr der Normalität wichtig wäre. So marschierten sie - unter maßgeblicher Anleitung des HJK 78 - auf eigene Faust. Nach zehnjähriger Unterbrechung, gefüllt mit Unglück ohne Ende, war der Schützenausmarsch wieder da! Alles, was überlebt hatte oder inzwischen nachgewachsen war, ging entweder selbst mit oder stand bis hinauf auf die Schuttberge und Baugerüste am Strecken­rand. Frauen rannten auf die Bahn wie ehedem. Was müssen da für Tränen geflossen sein. Daß nicht alles glatt lief, z.B. die Reihenfolge der Zugfarben falsch war, störte gar nicht. Wohl aber tat es weh, das Neue Rathaus ungeschmückt zu sehen. 1951 sollte es dann unter stadtbehördlicher Ägide auch offiziell weiter­gehen. Dabei wurde eben dieses Neue Rathaus als Startpunkt eingeführt. Rückblickend betrachtet markiert der Schützenausmarsch 1950 somit nicht nur den Beginn einer Epoche, sondern auch das Ende der vorherigen.
Streckenschmückung
Festumzüge beinhalten von Begrifflichkeit und Sinn her eigentlich auch die Schmückung der Strecke. In den Städten Nord- und Westdeutschlands wird zur Schützenfestzeit ja nach wie vor meist wenigstens die Hauptstraße mit Wimpelketten überspannt. Wenn sich in Hannover alles so viel größer ausnahm als anderswo, galt dies natürlich auch für die Streckenschmückung. Die engeren Straßen wurden mit Girlanden aus Laub überzogen, und in den breiteren Straßen an den Häusern Fahnen gehißt. Es ist zu vermuten, daß Stadtbehörde und Bevölkerung Hand in Hand daran arbeiteten. Nach dem 2.WK entstand eine luftigere Innenstadt ohne Anwohner, aber diese Herausforderung wurde angenommen. Nun waren verstärkt die Firmen gefragt, deren Mitarbeiter während des durchziehenden Schützenausmarschs sowieso an den Fenstern standen (s. Bild aus der Schmiedestraße). Ihre Stärke lag in aufwendig erstellten und angebrachten Spruchbändern mit rührigen Grußbotschaften. Davon ist heute kein bißchen mehr übrig. Sicherlich wird der Bruch 1974 mit der Terminverschiebung auf Sonntag eingetreten sein, als man nur noch an unbelebten Gebäuden vorbeimarschieren wollte. Die Stadtbehörde denkt heute nicht daran, Girlanden aufzuhängen.


Royaler Glanz
Ernst August I. und Georg V. stifteten den Schützen viele Pokale und Königsschilde. Sie ließen sich auch auf dem Festplatz blicken und werden bestimmt gern dem Schützenausmarsch beigewohnt haben, zumal sich das Geschehen ja nahe oder unmittelbar beim Leineschloß abspielte. Nachweislich ausgesprochen zugeneigt war die welfische Linie Hannover in den 1950er und 1960er Jahren. Da standen ihre Vertreter auf dem Balkon des Bankhauses Basse in der Georgstraße am Südende des Opernplatzes (hier ein Blick auf die heutige Situation). An jener Stelle intonierten die meisten vorüberkommenden Kapellen grundsätzlich den „Hannoverschen Königsgruß“ (anhören) oder „Ihr lustigen Hannoveraner“. Besonders Herzogin Viktoria Luise von Preußen, die Tochter des letzten Kaisers Wilhelm II., liebte das Hannoversche Schützenfest, scheute auch nicht den Gang in die Festzelte. Ab Ende der 1960er die ganzen 1970er Jahre hindurch nahm sie per Kutschfahrt selbst am Umzug teil, und zwar bei der Uniformierten Schützen­gesellschaft v. 1837, für die das Welfenhaus von Anfang an bis heute ein Protektorat (eine Schirmherrschaft) unterhält. Ihr Enkel, der „Prügelprinz“ Ernst August, fuhr 1983 auf einem eigenen Festwagen und 1991 in einer Kutsche mit. Seit 2012 reiht sich allenfalls noch sein Sohn, der gleichnamige Erbprinz Ernst August, unregelmäßig in den Ehrengäste­block an der Zugspitze ein.



Feiertags-Eigenschaft des Montags
Wie ist es zu erklären, daß der Schützenausmarsch bis 1973 unter famoser Anteilnahme der ganzen Stadt montagmorgens über die Bühne gehen konnte? Die Karnevalsumzüge in Düsseldorf, Köln und Mainz finden zwar auch tagsüber an einem Montag statt, aber dort herrscht dann inoffizieller Feiertag. Prüfen wir mal, inwieweit das auf Hannover zutraf. Zweifellos muß das Prestige der Veranstaltung derart groß gewesen sein, daß sich jeder hannoversche Schütze und Marschmusiker überall freinehmen durfte - anders hätte es nicht funktioniert. Im 19. Jahrhundert wurden männliche Bürger teilweise ja sogar per Gesetz zur Mitwirkung genötigt. Kommen wir zu den Zuschauern. Frauen waren zeit des Montagstermins überwiegend nicht berufstätig, konnten sich den Morgen also gut freischaufeln. Rentner hatten eh keine Probleme. Für die Jugendlichen und Kinder fiel der Schützenausmarsch oft in die Sommerferien. Andernfalls war die Handhabung der Schulbehörde unterschied­lich; mal gab es hannoverweit schulfrei und mal nicht. Beispielsweise lagen die beiden letzten Montage in der Schulzeit. Da die Kinder 1972 aber erstens an der Strecke vermißt wurden, wobei zweitens dennoch viele schwänzenderweise dorthin gepilgert waren, blieben die Schulen dann 1973 geschlossen. Fehlen noch die Berufstätigen ohne Urlaub. Hierzu ist bekannt, daß die Arbeit in zahlreichen Betrieben, Geschäften und Ämtern an dem Tag erst um 9:30 oder 10 Uhr begann. Demnach müssen die vordersten Streckenabschnitte auffällig am stärksten bevölkert gewesen sein. Zu spät am Arbeitsplatz zu erscheinen, war aber allein schon wegen des Verkehrstrubels in Ordnung, und auch Alkoholfahnen wurden geduldet (dies alles natürlich nur bei Berufen mit publikumsfernen, verschiebbaren Tätigkeiten). Ja, zumindest seit der Beschränkung auf nur einen Schützenausmarsch galt dieser Montag irgendwie als hannoverscher Feiertag. Und wer weiß, ob das die ganze Geschichte ist. Nach dem Sonntags­schießverbot von 1611 könnten im Hannover des 17. und 18. Jahrhunderts die Montage grundsätzlich ziemlich blau gewesen sein.
Schützenausmärsche 1979 und 1991
450 Jahre Schützenfest - da mußte auch der Schützenausmarsch noch eine Schippe drauflegen. Was 1979 über die Strecke zog, wurde zur Mischung aus Schützen­ausmarsch und den einstigen Bundesschießen-Umzügen mit ihren thematischen Darstellungen. Zahlreiche Schützen, Musiker und sonstige Teilnehmer gingen in historischer Kleidung. Über 360 Pferde zählten zum Aufgebot, verteilt auf u.a. 19 Reitergruppen und 74 Kutschen. Mit Festgruppen und Festwagen wurde die Geschichte der Stadt und ihres Schützenwesens gefeiert: Armbrustschützen am Papagoyenbaum 1529, alte Postkutsche, Georg II. - Kurfürst von England und König von Hannover, Bothfelder Wehr- und Wachturm, Musketiere, Hofgesellschaft Herrenhausen, Bürgerwehr 1800, „King`s German Legion“ aus den Befreiungs­kriegen (s. Bild), Jathos Motorflug 1903 in Hannover, Schafferpokal 1665, Wilhelm Buschs „Max und Moritz“, Polizey-Commissarius 1787, Herolde als Überbringer der Einladung zum „Schützenhof“ 1601, Jagdgesellschaft Tiergarten, Kaufmannslegende Johann Duve, Wilhelminische Zeiten, Roßarzneyschule Hannover 1579, die vier Quartiersfahnen 1613, Einzug des Königs Ernst August in Hannover, Wilhelm-Tell-Sage, Lindener Feuerwehr 1887, Hinrichtung des Raubmörders Jaspar Hanebuth (s. Bild), Ballhof-Gesellschaft, Hannover wird Residenz 1636, Schützenfest 1775, Dampflokomotive „Ernst-August“, Wilddiebe, einmarschierende Preußen 1866, alte Münzpresse, und vieles andere. Für einen besonderen Höhepunkt sorgte Hannovers englische Partnerstadt Bristol mit einer 125 Jahre alten Prunkkutsche, die samt Pferden eigens von der Insel überführt wurde.
Für den Umzug im Jahr des 750. Stadtjubiläums mobilisierte der Schützen­ausmarsch nochmal alle Kräfte. Wie schon zwölf Jahre zuvor sollte er 1991 mit einer Vielzahl historischer Darstellungen gespickt sein. Dabei überschnitten sich einige Themen, die meisten waren aber neu: Landwehr in der Eilenriede, Sachsenherzog Heinrich der Löwe 1163 in Hannover, Leineschiffe, Bestätigung der Stadtrechte, Hochradfahrer 1890, heimkehrende Kreuzritter bringen den Papagoyen mit, Burg Lauenrode, Gilden und Zünfte im 13.-14. Jahrhundert, Madonna von Hainholz, Zoo Hannover 1865, Leibniz, Belagerung Hannovers im Dreißig­jährigen Krieg, Lindener Kanone 1840, Kurfürstin Sophie mit Hofstaat, Eulenspiegel in Hannover, Armbrustschützen sichern den Marktflecken Honovere 1100, Knigge, Volksspiel Luderziehen, Ratssitzung 1460, Brauer Cord Broyhan, Schützenknecht (= Ausrufer) 1756, Windmühle auf dem Lindener Berg, Bundesschießen 1872, und vieles mehr. In kleinerem Umfang erhielt auch der Schützenausmarsch 2000 ein exklusives Gepräge, als ja gleichzeitig die Weltausstellung in Hannover stattfand. Passend zum Anlaß reihten sich viele internationale Folkloregruppen in den Zug ein, und damit sind wirklich alle Kontinente gemeint.
Pferdereichtum
Soweit zu beurteilen, spielten Pferde bis in die jüngere Zeit keine große Rolle beim Schützenausmarsch. Die Gestellung von Kutschen wurde seitens der Zugleitung blockiert, und an Reitern sollte die eine stattliche Staffel genügen. Kein Wunder, daß sich der Umzug des Bundesschießens 1903 mit seinen vielen Festwagen und Reitergruppen für die Dauer einer Generation ins Stadtgedächtnis einbrannte. Als sich der normale Schützenausmarsch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für Festwagen öffnete, mußten Kutschen gleich mit treckergezogenen Anhängern und reinen Kraftfahrzeugen konkurrieren. Die Pferde vermehrten sich trotzdem. Ihr starkes Zeitalter sollten die 1970er, 1980er und 1990er Jahre sein. Man kann für diese Phase im Schnitt von 170 Stück ausgehen, was deutlich über dem Doppelten von heute liegt. Neben der Gilde-Reiterei, der Niedersachsenmeute und dem meist anwesenden Reiterfanfarenzug Höven betrieb eine ganze Reihe weiterer Gruppen aufopfernd diesen Part. Jahrzehntelang traten - in ungeklärter Aufmachung - der „Pony- und Reitverein Bothfeld“ sowie der „Reit- und Fahrverein Isernhagen“ an, seltener der Reiterverein Hannover, einzelfallweise verschiedene andere derartige Klubs. Von der „Landsmannschaft Ostpreußen“ wurde immer wieder eine Staffel mit Trakehner-Pferden zusammengestellt. Auf den Bildern kann man die vom Lüneburger Ostpreußen-Museum geborgte Original-Standarte erahnen, ebenso den beliebten Heuwagen mit obendrauf tollenden Kindern. Als Stammteilnehmer betätigten sich ferner zwei berittene Gruppen von Historiendarstellern, zum einen die in Bad Münder ansässig gewesene „Kameradschaft zur Pflege der Tradition der Braunschweiger (!) Schwarzen Husaren“, zum anderen eine Staffel aus dem Umfeld des Historischen Freischießens Wennigsen. Kavalleriemusik trugen in ihren jeweils nur kurzen Existenzzeiten mindestens zweimal das Reiterbläserkorps Bückeburg und einmal in Weiß das „Norddeutsch Berittene Trompeterkorps“ aus Roten­burg/Wümme vor. Aber auch hinsichtlich Kutschen herrschte Hochkonjunktur, besonders im Lager der hannoverschen Brauereien. Die Kaiser-Brauerei und Wülfeler ließen es sich nicht nehmen, selbst noch unmittelbar vor ihren Auflösungen 1978 bzw. 1994 mitzufahren. Es ist leicht vorstellbar, daß sich die Rivalen beim Schützenausmarsch gegenseitig aufschaukelten. Nachdem Gilde und Herrenhäuser 1989 wieder mal beide Sechsergespanne am Start hatten, Wülfeler aber „nur“ einen Vierer zu bieten, tilgte Wülfeler die Schmach im Folgejahr mit einem Achtergespann … Und erneut trauert man dem unermeßlichen Stellenwert nach, den der Schützenausmarsch erst neulich noch hatte.


Stürmisches Tätscheln mit Zustecken von Blumen
Als Sinnbild für das blühende Leben gehören zu Schützenfesten auch Blumen. In Neuß z.B. tragen einzelne Schützen beim Umzug riesige sogenannte Blumenhörner über die Strecke. Als der Schützenausmarsch Hannover noch durch bewohnte Straßen und Gassen führte, warfen die Anwohner Blumen von den Fenstern herab. Nachdem dies aufgrund der Zerstörung der Innenstadt nicht mehr möglich war, kippten organisierte Damen eine Zeit lang wäschekörbeweise Sträußchen vom Rathausbalkon über den Schützen aus. Vor allem aber liefen früher Zuschauerinnen auf die Bahn, um Angehörige und Lieblinge unter den Zugteilnehmern zu tätscheln und zu beschenken. Das war keine Ausnahmeerscheinung, sondern jederzeit an jeder Ecke das typische Bild. Im Umfeld der Strecke gab es eigens Blumen­verkaufs­stände, an denen manche Frau ihre Ersparnisse verpraßte. Einige verteilten Blumen wie im Rausch. Neben Frauen jeden Alters beteiligten sich auch Kinder an dieser Sitte, unter denen waren es aber hauptsächlich die Jungs. Für die Schützen artete der Umzug mitunter zum Einsammeln und Schleppen von Blumen aus. Teilweise bekamen auch die Musiker an Schulterklappen oder irgendwo sonst ein Blümchen angesteckt. Zu den krassesten Zeiten mußte sogar mittels Aufrufen appelliert werden, keine Blumen zwischen die Pferde zu werfen. Ohne Zweifel, diese Extase kann nicht gekünstelt gewesen sein. So wird sich nur verhalten, wenn man ein Kulturgut aus dem tiefsten Innern heraus lebt. Beim Schützenausmarsch entblätterte sich alljährlich die hannoversche Volksseele. Das stürmische Tätscheln und Blumenverschenken galt vielleicht am meisten der Veranstaltung selbst. Nach den 1990er Jahren starb dieser starke Gefühlsausdruck leider aus.