Grundwissen/Eckdaten Substanzaufbau Verschwundenes
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- Vor 1900 -
So hielt ein Maler den Umzug des „Schützenhofs“ 1601 beim Durchkommen auf der Knochenhauerstraße fest. Im Hintergrund betreten die Schützen das Bild. Was der weiße Narr im Zug zu suchen hatte, wird sich wohl nicht mehr ermitteln lassen.
Im Nachgang zum ersten „Nordwestdeutschen Bezirksschießen“ 1869, mit dem das Hannoversche Schützenfest zusammenfiel, zeichnete jemand eine herrliche Collage für Holzstiche. Unter den fünf dargestellten Szenen findet sich eine, die offenbar den Festumzug wiedergibt:
Eine solche Collage widmete sich ebenfalls den Feierlichkeiten des „Bundes­schießens“ 1872. „Aus dem Festzuge“ wurde dieses Teilbild genannt, welches also im Nachhinein wirklich das Geschehen vermitteln soll. Das kaum urbane Umfeld deutet darauf hin, daß man sich noch am Startpunkt in Herrenhausen befindet. Wen die erschreckend lässig gekleideten Schützen da so ausgiebig grüßen, ist unklar. Ein Königshof wäre zu der Zeit eigentlich nicht mehr bekannt.
Vor allem wurde vom Umzug 1872 ein ziemlich bekanntes Gemälde angefertigt. Es zeigt die berittene Zugspitze in der Schmiedestraße auf Höhe des vorn rechts angedeuteten Leibnizhauses (heute Standort des Brauhaus Ernst August). Die Anwohner hatten die Strecke wohl mit bedeutungslosen, einfarbigen Stoffen geschmückt. Merkwürdig ist die Aufschrift „Will“ auf der Tafel an der Girlande. Das Waffengeschäft dieses Namens, welches heute an der rechten Straßenseite ansässig ist und sich zeitweise stark beim Schützenausmarsch engagierte, gab es 1872 jedenfalls noch lange nicht.
Über die Erhaltung der folgenden Malerei, Teil eines Postkartenmotivs aus den 1890er Jahren, können wir uns besonders glücklich schätzen. In zwar immer noch frei komponierter Szene ist erstmals der normale Schützenausmarsch zu sehen, bei der Ankunft auf dem Schützenplatz. Alle dargestellten Zugteilnehmer sind in Schwarz und mit Zylinder gekleidet, wie es schon bald darauf unüblich werden sollte. Um Blöcke unorganisierter Schützen dürfte es sich angesichts der Einheitlichkeit, der Fahne und der Schärpe dennoch nicht mehr handeln. Wir befinden uns in der Übergangsphase mit schießfreudigen „Bürgervereinen“, woraus nicht selten Schützenvereine hervorgingen, und sehr jungen Schützenvereinen, die sich erst noch eine eigene Uniform zulegen müssen.



- Bundesschießen 1903 -
Die ältesten Photos wurden beim kolossalen Umzug des „Bundesschießens“ 1903 geknipst. Hier bewegt sich der Zug auf der Goethestraße in die Calenberger Neustadt, kommt aber umgehend wieder zurück (das wurde gemacht, damit sich auch die Teilnehmer den Umzug anschauen können). Im oberen Bild sehen wir vorn die Zugspitze mit Herolden, dem berittenen Musikkorps des in der Nordstadt kasernierten Königs-Ulanen-Regiments, und der noch nicht so genannten Gilde-Reiterei. Der Festwagen im untersten Bild stellt die Sage von den Sieben Spartanern auf dem Döhrener Turm dar. Er befindet sich just genau über der Leine.


Der Zug auf der Georgstraße vom Steintor in Richtung Kröpcke unterwegs. Als Betrachter stehen wir in der Einmündung der Kanalstraße. Wie Schiffe auf hoher See scheinen die Festwagen ihre Bahn zu ziehen, und beim Blick in die Schaufenster will man gar nichts mehr glauben. Der 5. Juli 1903, war es wohl der größte Tag in der Geschichte dieser Stadt?

Ein weiteres sprachlos machendes Dokument aus einer unbestimmten Straße:
Schon im darüberliegenden Bild ist das Modell des Neuen Rathauses zu entdecken, das hier nun über den Aegidientorplatz (Aegi) gezogen wird. Als Zeichen der Vorfreude hätte es auch die anschließenden zehn Jahre bis zur Vollendung des Bauwerks mitfahren können, wenn man für den normalen Schützen­ausmarsch nicht so eine Ablehnung gegenüber Wagen gehabt hätte.
Später überquerte der Zug 1903 auch den Ort, der zur damaligen Zeit sonst als Startpunkt für den Schützenausmarsch diente, nämlich den mittlerweile so vergessenen Marktplatz. Der Blick führt hier zwischen Marktkirche linkerhand und Rathaus rechterhand hinüber zur Schmiedestraße. Auf dem hinteren Festwagen mit dem Tor aus dem Stadtwappen müßte eigentlich die personifizierte „Hannovera“ sitzen. Sie scheint schon abgestiegen zu sein.



- Einzug auf dem Schützenplatz in den 1900er Jahren -
Nun aber zum richtigen Schützenausmarsch. Aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liegen hauptsächlich Bilder vom Zielort Schützenplatz vor, welcher im Vergleich zu heute leicht nach Südosten verschoben war. Mit den Motiven wurden Ansichts­karten hergestellt. Trotz Poststempeln lassen sich die Aufnahmezeitpunkte nicht klären, denn selbst wenn die Absender tatsächlich vom Schützenfest grüßten, können die Karten und/oder die verwendeten Photos älter gewesen sein. Zunächst sehen wir, wie der Zug aus Richtung Waterlooplatz durch das Nordtor eintritt. Jenes müßte gemäß heutigem Stadtplan ziemlich genau am Südende der Bruchmeister­allee gestanden haben.



Im nachfolgenden Bild befindet sich links ein Schild mit dem Namen der „Uniformirten Schützen-Gesellschaft“. Für den allgemeinen Sprachgebrauch war diese Schreibweise seit 1901 ungültig. Zum Beweis, daß es das älteste Photo von allen ist, reicht der Anhaltspunkt freilich lange nicht.
Die Reiterei führt bei ihrer Ankunft noch ein Zeremoniell durch. Dank an den Photographen, der hierbei auf dem Rundteil postiert gewesen sein muß. Unter­dessen sprudeln unablässig Schützen durch das Nordtor.
Hannovers Schützen haben Aufstellung um das Rundteil genommen; zu beachten sind hinten die Fahnen der Schützenvereine. Sicherlich werden nun Präsentier­märsche durchgeführt und Reden gehalten.
Jetzt ist der Schützenausmarsch beendet. Links ziehen die Schützen immer noch geordnet zu den Schießständen ab. Als Aufnahmedatum für dieses und die beiden vorherigen Bilder ist mindestens 1905 gesichert.
Zufriedene Schützen nach getaner Arbeit auf dem Schützenplatz:




- Von der Strecke vor dem 1.WK -
Jetzt folgt das älteste bisher bekannte Photo von der Strecke. Wir haben es spätestens 1907, wahrscheinlich etwas früher. Wunderbar sind auf diesem Bild die tief verankerte Echtheit des Brauchtums, das souveräne Selbstverständnis der hannoverschen Schützen und die Einigkeit der Stadtgesellschaft eingefangen. Der Zug kommt gerade von der Prinzenstraße auf den Aegi. Mit dem Schlenker weicht man wohl längs verlaufenden Straßenbahnschienen aus.
Auch höchst interessant: Die Aufstellung des 2. oder 3. der damals drei Züge! Ort ist in dem Fall das nordwestliche Ende der Osterstraße (hinten quer verläuft die Schmiedestraße, davor geht noch die Kleine Packhofstraße rechts ab, und im Rücken der Schützen steht jetzt der Primark-Kasten). Das Eichenlaub und der Hutanstecker mit dem Hannoverschen Kleeblatt gehörten verpflichtend zur Ausstattung aller teilnehmenden Schützen. Von den Hutansteckern müßte doch statistisch der eine oder andere überlebt haben, also alle die Augen offen halten ...
Dieses Bild entstand um 1910 an einer nicht lokalisierbaren Stelle (daher kommt am ehesten die Calenberger Neustadt in Betracht; evtl. ist es auch der Lindener Umzug). Die mitgeführten Waffen erzeugen zwar einen ziemlich anderen Eindruck als der heutige Schützenausmarsch, aber die mittendrin bei „ihrem“ Schützen weilende Frau beweist, daß es doch entspannt zuging.
Aus dem Jahr 1910 sind uns zwei weitere Bilder erhalten. Zum einen eine klassische Szene mit Schützen, zum anderen die skurrilen Herolde auf ihren Pferden mit der damals angesagten Kurzschwanzfrisur. Das Geschehen spielt sich vermutlich auf der Zielgeraden „Am Waterlooplatze“ (heute: Bruchmeisterallee) nahe dem Schützen­platz ab.

Hier erreicht der Zug durch die Theaterstraße den Thielenplatz. Offenkundig nicht an die Zugspitze gesetzt, ist die Reiterei im Anmarsch, vorneweg mit den Herolden.
Am gleichen Ort schaffte es auch ein Bruchmeister ins Bild! Zu der Zeit gingen sie ja noch mit Fahnen, hatten aber bereits zwei Funktionäre als Begleiter an den Seiten. Bemerkenswert, daß die Lockerheit dem Schützenausmarsch selbst im Kaiserreich schon eigen war. Strenge ist nirgends festzustellen.