Grundwissen/Eckdaten Substanzaufbau Verschwundenes
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- 1950er Jahre -
1950 ruft der Wiederbeginn! Und dann gleich mit einer zweiten Reiterstaffel. Am Fuße der Marktkirche nimmt diese gerade Kurs auf die Knochenhauerstraße.
Infolge des neuen Startpunktes Trammplatz beschreitet der Zug die Georgstraße 1951 erstmals in der heute geläufigen Richtung. Wie hier auf Höhe des soeben beginnenden Opernplatzes - am linken Bildrand geht rechts die Baringstraße rein - zu sehen, schätzte man ansonsten aber das Altbewährte.
Unfaßbarer Andrang 1951. Daneben ist ein besonderes Augenmerk oben auf den Bruchmeister zu legen, von dem eine der im Vorjahr angeschafften Standarten aus­geführt wird. Schlecht zu erkennen, daß die Marschrichtung nach unten verläuft. Mit im Bild sind zudem drei der weißgekleideten Damen, die den Schützen­ausmarsch neuerdings bereicherten (s. auch unter „Kleine Fundstücke“).
Mag das Stadtbild noch so geschunden sein - ihre Lieblingsbeschäftigung lassen sich die Hannoveraner nicht nehmen. 1952 an unbekannter Stelle:
Daß die Gilde-Brauerei einst „Gilde-Bräu“ hieß, wissen die Wenigsten. Noch mehr gibt hier indessen die Örtlichkeit zu Staunen. Wir befinden uns am Ostende des Platzes Am Marstall mit Blickrichtung Bahnhof. Nur war die Straßenführung eine ganz andere. Man muß sich vorstellen, daß die Schillerstraße über die Georgstraße hinweg durch den Marstall bis zur Leine einen Straßenzug bildete, wie auch die Steintorstraße noch bis zur Gabelung in Schmiede- und Knochenhauerstraße hin verlängert war. Für die Kutsche bedeutet das, daß sie von hinten aus der Schiller­straße kam, und jetzt auf der Steintorstraße unterwegs ist. Die vorderen Zuschauer stehen noch auf einem Trümmerberg.
Hauptsache, die Schützen marschieren. Hier biegen sie vom Steintor kommend über die Georgstraße in die Limburgstraße ab. Die Fahne kann nicht sicher zugeordnet werden; möglicherweise sehen wir die Schützenvereinigung Döhren. Das Freundschaftsbanner am linken Rand wurde von der SG Freischütz gespendet. Wie auch auf vielen anderen Bildern fällt die Vielzahl an Polizisten auf, um die Breite der Bahn gegen die schleichend vordrängenden Zuschauer abzusichern.
Ein verrücktes Zusammentreffen: Vorn eine der dort gängigen Mädchenkapellen aus Dänemark, gefolgt von den Jungschützen der SG Linden 04. Und ein Büchsenmacher in der südlichen Ladenzeile der Osterstraße auf Höhe Kleine Packhofstraße grüßt sozusagen seine Kundschaft ...
Mit diesem Wagen stellte man 1954 den Streit um die Verlagerung der Schießbahn von der Ohe nach Wülfel dar (wobei sich die Rathauskuppel hier am Aegi nur optisch dazu­gemogelt hat).
Spannenderweise hätten wir hier auch den Blick von der anderen Straßenseite im Angebot. Hinten links ginge es in die Marienstraße hinein, rechts kommt die befristete Verkehrskanzel auf dem Aegi zum Vorschein. Je mieser die Bildqualität, desto packender die Betrachtung, oder?!
1954 kletterten Zuschauer am Leineschloß herum, um einen Blick auf die so sehr verehrten Schützen zu erhaschen. In der Ferne lauert das Schild des Jubiläums­vereins „Schützen­gesellschaft der Weststadt v. 1904“.
„Viel Freude zum Schützenfest“ links, „Wir grüßen die Schützen“ geradeaus, so macht das Marschieren Spaß. Rechts wird wahrscheinlich kein Spruchband hängen, da sich diese Szene auf der Georgstraße am Südende des Opernplatzes abspielt. Die Uhr verrät, daß wir keinem normalen Schützenausmarsch beiwohnen; es war der Umzug des Bundesschießens 1955.
Der Hannoversche Jagdklub v. 1878 vor dem Nachkriegsbau des Cafe Kröpcke. Über seinen Uniformschnitt läßt sich streiten, über die langzeitig große gesellschaftliche Bedeutung dieses Vereins nicht.
Als hätte man beim Schützenausmarsch schon ewige Erfahrung mit Festwagen gehabt, zauberte die hannoversche Brauerei „Herrenhäuser“ aus dem Nichts dieses wahnsinnig mystische Arrangement daher:
Während sich der Schützenausmarsch heutzutage auf dem Festplatz unbeachtet auflöst, herrschte 1956 am Zielort ein unglaublicher Trubel. Auch die bereits angekommenen Schützen reihten sich noch schnell in die Zuschauermassen ein. Unsere Perspektive ist diejenige vom Rundteil herunter.
Jahrhundertelang hatte niemand geahnt, wie reizvoll sich auch uniformierte Schützinnen in Hannovers Straßen machen. Nun wurden einfach Tatsachen geschaffen. Der „Hannoversche Damen-Schießsportklub“ bietet auf der Lavesallee marschierend ein tolles Zusammenspiel mit dem Leineschloß am Hohen Ufer.



- 1960er Jahre -
Ein noch nicht identifizierter Fanfarenzug bläst echte Fanfaren. Da es sich bei dem kleinen Vordach um den Eingang zum Georgspalast (GOP) handelt, wartet wenige Schritte weiter also der brodelnde Kröpcke.
Dieses Bild von 1961 veranschaulicht gut den einstigen Stellenwert des Rundteils auf dem Schützenplatz.
Wie alle hannoverschen Biere beteiligte sich auch die inzwischen längst geschlosse­ne Kaiser-Brauerei selbstverständlich am Schützenausmarsch. Der Turm im Hinter­grund gehört nicht etwa zur Bebauung des Hohen Ufers, sondern zum Festwagen ...
1962 mal ein Blick auf die nordwestliche Ecke des Kröpcke mit der legendären Machwitz-Werbung (die sich schon in der Bahnhofstraße befindet). Angesichts der immer wieder unbequem gestapelten Zuschauer fragt man sich, warum sie sich nicht einfach leerere Stellen suchten. Aber solche gab es nirgends.
In den Fenstern des damaligen Modegeschäfts Magis am Kröpcke saßen Zuschauer, und zwar fast sämtlich beinzeigende Damen. Unvergleichliche, grandiose, welt­städtische Zustände in Hannover!


Über die ordentlich beflaggte und geschmückte Seilwinderstraße werden 1962 zwei hannoversche Wahrzeichen zusammengeführt:
Nun folgen gewaltige Szenen aus der Georgstraße Höhe Karstadt (wo noch keine Fußgängerzone bestand). Wir schreiben das Jahr 1965, als der Schützenausmarsch letztmals zum Umzug eines „Bundesschießens“ mutierte. An der Oberkante des ersten Bildes sind übrigens nochmal sowohl die Magis-Fensterfront als auch die Machwitz-Werbung zu erkennen.


Gleich in seinem Entstehungsjahr trug der „Niedersächsische Jagdklub Hannover“ durch einen Festwagen zum Geschehen bei. Dieser wurde dem „Orden Deutscher Falkoniere“ für eine Schau mit lebendigen Greifvögeln zur Verfügung gestellt. Falknerische Auftritte waren beim Schützenausmarsch unregelmäßig bis Mitte der 1990er Jahre zu beobachten.
Unglaublich, wie 1903 verfügte der Umzug auch 1965 über ein berittenes Musik­korps der Preußisch-Hannoverschen Königs-Ulanen, nunmehr als Nachahmung. Festgehalten wurde hier vor dem Leineschloß der Kesselpauker. Farblich war die Gruppe in Blau gehalten, bis auf einen roten Haarbusch auf dem Helm.
Der „Damen- Jagd- und Sportklub Hannovera“, die Straßenbahnschienen, die Verkehrskanzel, dieser Bau des Cafe Kröpcke, das zwischenzeitliche Modell der Kröpcke-Uhr - nichts davon existiert mehr. Selbst die Uhren gingen 1966 anders, denn wir haben es da gerade mal 8:35 Uhr!
Sie kommen! Die Zugspitze aus Polizeiwagen, Polizeimotorrad, fünf Polizeireitern, den Herolden und der noch nicht sichtbaren Gilde-Reiterei tritt 1966 aus der Limburgstraße hervor, um über die Oster- zur Schmiedestraße zu wechseln. Das Volk steht bereit.
Hotspot Kröpcke zum x-ten, nun Ende der 1960er Jahre. Auf der Fläche des Gebäudes sind seitdem zwei Kröpcke-Center entstanden. Was der „Tanzkreis Hannover“ mitten im Zug zeigte, sieht schon auf dem Standbild schön aus. Als am langlebigsten sollte sich aber der pferdegezogene Straßenbahnwagen erweisen, den wir auch von heutigen Schützenausmärschen her kennen.



- 1970er Jahre -
Zuschauer drängelten sich 1971 teilweise in Zehnerreihen, um pralle Blöcke der Schützenvereine vorübermarschieren zu sehen. Diese prächtige Aufnahme vom Ernst-August-Platz führt uns schier eine Hochkultur vor Augen.
Der Erfolg des Schützenausmarschs lag auch in seiner erheblichen Sexyneß begründet. Zusätzlich zur gewissen erotischen Ausstrahlung der männlichen bzw. weiblichen Uniformträger, räkelten sich auf fast allen Festwagen auch noch Hostessen. Eine kraftstrotzende Demonstration von Größe und Herrlichkeit!
1974, beim nagelneuen Sonntagstermin, hatten die Schützen mal wieder alle Hände voll zu tun. Die Herren des NJK mußten ihre Blumen nun noch vom Friederiken­platz durch die Paradestrecke tragen. Im übertragenen Sinn war der NJK auch auf dem Weg, bald mit mehreren hundert Mitgliedern Hannovers größter Schützenverein zu werden.
Echte Fanfarenzüge waren früher auch in Niedersachsen und somit beim Schützenausmarsch eine häufige Erscheinung. Des weiteren zeigt uns dieses Bild, wieviele Zuschauer in den 1970er Jahren gleich nach der ersten Kurve am Trammplatz standen, auf einer Höhe also, wo die Reitergruppen und Fahrzeuge noch nicht eingefädelt sind.
Das gleißende Licht täuscht nicht - 1976 kippten 56 Zuschauer wegen Überhitzung um. Für das 3. Zugschild im historischen Zuschnitt und den Bruchmeister mit der gelben Standarte kam sowas nicht in Frage. Sie würden hier auf der Georgstraße aber jeden Moment gegen das Schillerdenkmal rasseln, wenn das damals schon dort gestanden hätte. Man sieht übrigens, daß die Strecke auf dem Abschnitt von ausgedehnten Tribünenbauten eingefaßt war.
Mehr Menschenauflauf geht nicht, wird sich auch das 1976 durch die Osterstraße ziehende Fanfarenkorps „Sollinger Herolde“ (Uslar) gedacht haben. Hinten steigt die Aegi-Hochstraße über dem Friedrichswall an. Darunter fahren die bis heute beim Schützenausmarsch aktiven blauen Laster von „Lindener Spezial“, damals halt geschmückt (aber da hatten sie ja auch noch keinen Eigenwert als Oldtimer).
Der HJK 78 spielte beim Schützenausmarsch 1978 selbstredend eine besondere Rolle. Jedoch waren auch seine Schützen nicht davor gefeit, 30 Jahre lang an der rechts im Bild erkennbaren Aegi-Hochstraße entlang und gar darunter hindurch­gehen zu müssen - eine Zumutung.
Niemals zuvor oder danach waren die Schützenblöcke derart stark besetzt wie in den 1970er Jahren.
Zum Abschluß der sagenhaften 1970er Jahre stand 1979 auch noch das 450. Jubiläum des Schützenfests an. Auf dem Opernplatz, den er wegen der Bauarbeiten für die U-Bahn-Haltestelle direkt überquerte, kämpfte sich der Schützenausmarsch durch die Menschenmenge. Im Hintergrund sind ein paar aufgespannte, umgedreht hochgehaltene Regenschirme zu erspähen, typisch für die damalige Zeit, als die Wurfartikel und vor allem die Zuschauer noch wesentlich zahlreicher waren.
Bei solch einem Anblick traut man seinen Augen nicht. Ungeheure restlos begeisterte Massen empfangen den Zug 1979 auf dem Schützenplatz:
Mit Ablauf der 1970er Jahre endete auch die große Zeit des Schützenausmarschs. Schon in den Aufnahmen aus den 1980er Jahren ist der Zauber nicht mehr zu erkennen. Zwar blieb die Teilnehmerzahl auf der frisch erklommenen sehr hohen Stufe, aber die Zuschauermenge, die Leidenschaft, der Stellenwert, die liebevolle Ausgestaltung, eigentlich alles geht seitdem Jahr für Jahr nieder.