„HALLE 1903“
- Ein alternativer Rettungsvorschlag für das hannoversche Schützenwesen
(und mithin den Schützenausmarsch) -
Als unvermeidlichen Schritt braucht es auf jeden Fall auch bei diesem Verfahren eine Gruppe von Aktivisten, die sich aus dem Trott herauslösen und für die Wende arbeiten. Ansonsten ist das hannoversche Schützenwesen offensichtlich dem Untergang geweiht.
Alles dreht sich darum, daß die Festhalle von 1903 wieder aufgebaut wird. Sie stand damals für das in Hannover stattgefundene „Bundesschießen“ nur eine Woche lang irgendwo auf dem vorherigen Schützenplatz, also in unmittelbarer Nachbarschaft des heutigen oder vielleicht sogar teilweise darauf. Diesmal hat sie ein festes, dauerhaftes Bauwerk zu sein. Sie muß sowohl alle Festzeltbereiche bei den Volksfesten zusammenfassen, als auch die einzige zentrale Schießanlage für die hannoverschen Schützen(vereine) beinhalten. Damit nimmt sie dann zugleich die Geschichte des einstigen Schützenhauses auf. Jenes befand sich bis zur Zerstörung 1943 auf dem Gelände des nördlichen Vorplatzes des Niedersachsenstadions (Walter-Rodekamp-Platz); der drauf zulaufende „Schützenhausweg“ im Maschpark erinnert noch daran.
Standort ist - der Schützenplatz. Diese Teilbebauung des Platzes ergibt einfach Sinn. Als einzige Einbuße gehen leider Parkplätze für Stadionbesucher verloren, was aber nicht eminent wichtig sein kann, zumal 96 mitunter auch während des Frühlings- und des Oktoberfestes spielt, wenn der ganze Schützenplatz gar nicht zum Parken zur Verfügung steht. Bei den drei großen Volksfesten nimmt die „Halle 1903“ keine Fläche weg. Im Gegenteil, man gewinnt noch welche dazu, denn alle bisherigen Festzelte, und die sind teils sehr platzraubend angeordnet, werden überflüssig. Von sonstigen Veranstaltungen wird eh nicht unbedingt der gesamte Schützenplatz beansprucht.
Die damalige Halle soll nach manchen Angaben 192m lang gewesen sein; gemäß Abbildungen treffen wohl eher 92m zu. Auf der folgenden Skizze ist sie einmal mit Maßen von ungefähr 140m x 60m auf dem Schützenplatz eingezeichnet. Das südöstliche Feld dürfte fraglos die beste Baufläche darstellen.
Wenn die Stadtbehörde gute Absichten hegt (woran man allerdings Zweifel haben kann), müßte sie das Vorhaben eigentlich begrüßen und unterstützen. Erstens wäre die „Halle 1903“ eine tolle Sehenswürdigkeit Hannovers. Kein Bauwerk weltweit hätte annähernd Ähnlichkeit mit ihr. Zweitens wäre es die Chance, das für die Stadtgeschichte so bedeutende Schützenwesen zu retten. Drittens wäre damit eine unglaubliche Attraktivitätssteigerung der drei Volksfeste verbunden.
Mit welcher Gesellschaftsform man den Bau stemmt, und wer dann der Besitzer sein soll, ist zu überlegen. Finanzierung: 1. Eigene Mittel der gesamten Schützenszene. Dazu gehört auch - ohne großes An-, Auf- und Verrechnen - der Verkauf etwaiger Grundstücke und Immobilien. 2. Öffentliche Mittel aus Töpfen für Sport-, Kultur- und/oder Rekonstruktionsförderung. 3. Spenden. Immerhin soll ja etwas entstehen, das der ganzen Stadt Freude und Ansehen bringt, außerdem von allen Bürgern aktiv genutzt werden kann. Besonders sollte man an die Reihe der extrem vermögenden, hannoversch-patriotischen Geschäftsleute herantreten. Dazu müßte die hiesige Wichtigkeit des Schützenwesens aber auch eindrücklicher und energischer herübergebracht werden. 4. Investor. Mit vielen sehr attraktiven Vermietungs- und Verpachtungsmöglichkeiten könnte die „Halle 1903“ als Geschäftsmodell aufgezogen werden. 5. Kredite. Diese sollten leicht zu erhalten sein, da ja sowohl Substanz als auch Voraussetzungen für Einnahmen geschaffen werden.
Die Kosten wären nicht so hoch wie man zunächst denkt. So ist der Baugrund bereits frei, Leitungen und Anschlüsse liegen schon vor. Über dem Erdgeschoß ist gerademal ein funktionales Obergeschoß erforderlich, mehr nicht. Alles darüber hinaus kann als Attrappe ausgeführt werden. Die Türmchen sind jeweils baugleich, die großen Giebeldreiecke brauchen mehr oder weniger nur vorgesetzt zu werden, echte Fenster sind unnötig. Zur Eröffnung müssen Fassaden und Innengestaltung noch nicht den hochwertigen Endzustand haben. Ohnehin zählt außerhalb der Volksfeste eher die Fernwirkung, und Vergleichsbasis für die nähere Betrachtung sind ja die jetzigen Zelt- und Pappbauten. Ebenso kann man vorerst auf die neuste Schießelektronik verzichten (gemessen an den bisherigen durchschnittlichen Schießbahnen der Schützenvereine wäre es trotzdem schon eine andere Welt).
Zur Stabilisierung und Steigerung der Mitgliederzahlen bei den hannoverschen Schützenvereinen setzt man voll und ganz auf die Anziehungskraft der „Halle 1903“. Schießbetrieb und Vereinsleben mit guten Anlagen in diesem Gebäude an diesem Ort, das müßte alle potentiell interessierten Bürger Hannovers zur wenigstens wöchentlichen Anfahrt reizen. Es gibt ja auch aus dem gesamten Stadtgebiet Leute, die einmal in der Woche ins Stadionbad oder um den Maschsee gehen. Daß insbesondere einige östliche Stadtteile nicht richtig nah dranliegen, ist klar, aber dennoch kann man bei genauerem Hinsehen die Lage, Authentizität und Verfügbarkeit des Schützenplatzes als Glück begreifen, welches es in der jetzigen Notsituation auszunutzen gilt.
Jegliche Aktivitäten in den Stadtteilen werden dann eingestellt. Offenkundig funktioniert das Prinzip mit den herkömmlichen Schützenvereinen längst nicht mehr. Es müßten die Vereinslandschaft umgestaltet, die Schießanlagen verbessert und weitaus stärkere Öffentlichkeitsarbeit erbracht werden. Das wäre normalerweise das Naheliegendste, aber anscheinend fehlen dafür auf breiter Front Erkenntnis/Bereitschaft, Mittel und Kraft. Für die „Halle 1903“ dürfte es wesentlich leichter sein, Gelder zu akquirieren. Sie erledigt als stadtweit bekanntes Bauwerk, dessen Eigenschaft als Schützenhaus sich auch bald herumspricht, quasi von allein die Öffentlichkeitsarbeit, darüber hinaus verleiht sie den Schützen neue Energien. Natürlich wäre es noch schöner, das Schützenwesen auch in den Stadtteilen zu erhalten bzw. wieder herzustellen. Doch wenn man sich für den Weg „Halle 1903“ entscheidet, müssen restlos alle Reserven dort hineinfließen. Man kann dann nur an die Vereine appellieren, sich aufzulösen und einzubringen. Bei den Weigerern wird sich unter den veränderten Verhältnissen das Sterben noch beschleunigen.
Nun stellt sich die Frage, wieviele und welche Schützenvereine weiterhin betrieben werden sollen. Das Stadtgebiet geographisch zu unterteilen, könnte den Wettbewerb fördern. Wirklich schlüssig wäre dies indes nicht, wenn die Vereine doch alle ihren Sitz in der „Halle 1903“ haben, und ihnen die Einbettung in die jeweilige Gegend fehlt. Im Grunde genügt ein einziger Zentralverein. Da der Schützenausmarsch in seiner Geschichte auf vier Züge anwuchs, sollte man zumindest vier Vereine unterhalten; für mehr ist aber wohl kein Bedarf. Diese vier Vereine müssen nicht neugegründet oder zusammenfusioniert werden. In der Hoffnung, daß jeder zur rationalen Betrachtung in der Lage ist, braucht man nur das Rad der Zeit zurückzudrehen: Im 19. Jahrhundert entstanden nach und nach zunächst drei Vereine, die auch noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als erste Blöcke der damals drei Züge des Schützenausmarschs gesetzt waren. Sie bestehen bis heute: „Uniformierte Schützengesellschaft v. 1837 Hannover“, „Verein für Freihandschießen Hannover v. 1862“, „Hannoverscher Jagdklub v. 1878“. Diese drei Vereine bilden ein natürliches Gefüge (wohingegen das laufende unkontrollierte Ausscheiden von Vereinen einen zufälligen Bestand hinterläßt). Vierter im Bunde sollte dann möglichst ein Vertreter der Vereinsgründungswelle um 1900 sein. Mit allgemein-hannoverschem Namen, der zudem überaus passend ist und die anderen drei perfekt ergänzt, steht tatsächlich einer zur Abholung bereit. Nun zeigt sich, wozu es gut war, die „Schützengesellschaft Kleeblatt v. 1899 Hannover“ formal am Leben zu lassen. Dieses Quartett sitzt wie angegossen. Demnach müßten schließlich der VfF und der HJK zum Umzug auf den Schützenplatz bewegt werden; mit der am Seidenen Faden hängenden USG 37 wäre dies sicherlich kein Problem. Vereins­farben, Wappen und insbesondere Uniformen ließen sich noch optimieren. Bei solch geringer Zahl sollten die Geschlechter wohl unterschiedliche Uniformfarben tragen, um etwas mehr Vielfalt zu haben. In Gang kommen könnte die Konzen­tration zum Beispiel, indem die Mitglieder der Lindener Vereine sich in der - ehemals westhannoverschen - SG Kleeblatt gemeinsam neu aufstellen, der NJK sich seinem einstigen Mutterverein HJK anschließt, und die Schützen der ca. zwölf nicht-stadtteilgebundenen Vereine erstmal die USG 37 starkmachen.
In der „Halle 1903“ stehen den Schützen Schießbahnen für alle drinnen durchführbaren Disziplinen bis 100m zur Verfügung (während es in den jetzigen Schützenhäusern wohl meist nicht über 10m hinausgeht). Betrieb ist im Grunde rund um die Uhr möglich. Für Schießübungen unter freiem Himmel kann man ja immer noch zu Einrichtungen im hannoverschen Umland fahren, Anlagen zum Armbrust- und Bogenschießen fänden evtl. sogar auf dem benachbarten Gelände hinter der Bruchmeisterallee Platz. Die Vereine unterhalten gemeinsam professionelle Anlagenwarte und erforderlichenfalls Wachschutz; Polizei sitzt aber eh nebenan. Klubräume für jeden Verein, Waffenkammern und Büros passen in den Bau locker mit rein. Als Vereinskneipe und Festsaal dient natürlich ein Teil des Festhallenbereichs. Die Schützen können sich Tische und Bänke auch nach draußen holen und vor der Halle sitzen. Zu begrüßen wäre es, daß die Vereine über das Jahr noch einige Veranstaltungen in Uniform auf dem Schützenplatz vornehmen, bei denen das übrige Volk zuschauen kann. Zu einem uniformierten Schützenverein müßte eigentlich auch ein bißchen Exerzieren und Präsentieren gehören, was in Hannover schon vor Generationen verlorenging.
Mehrmals im Jahr, oder eigentlich auch ständig, können Bürger gegen Entgelt zum Lichtpunktschießen in die Halle eingeladen werden. Man muß sich mal vorstellen, daß exakt auf dem Schützenfest mittendrin Führungen zu den Schießbahnen möglich sind, sowie ebenfalls Lichtpunktschießen. Wieviel schützenmäßiger ist das gute alte Schützenfest dann wieder, und wieviel leichter gestaltet sich plötzlich die Mitgliedergewinnung. Ja es könnten sogar, wie hunderte Jahre lang Sitte, die Stadtkönige nach dem Schützenausmarsch an den Schützenfesttagen ermittelt werden (erscheint allerdings wenig vernünftig). Die nicht-uniformierten Schießsportvereine mieten sich vielleicht in der Halle ein oder beteiligen sich von vorn­herein dran, sofern sie die Nähe zur Brauchtumspflege ertragen können. Auswärtige Schützenvereine aus Niedersachsen oder aus ganz Deutschland haben sicherlich große Lust, Fahrten nach Hannover zu unternehmen, um einmal in dieser Halle zu schießen. Es kann zwar freilich sein, daß die NSSV-Schießsportanlage in Wülfel bei alledem Probleme bekommt, doch würden diese sie mit dem weiteren Niedergang des hannoverschen Schützenwesens genauso ereilen.
Laufende Einnahmen lassen sich also zum einen mit dem Schießbahnbetrieb erzielen. Zum anderen wirft der Festhallenbereich einiges ab. Je nachdem, in welcher Form man die Sache umsetzt, verbleiben die Gewinne dieses lukrativen Geschäfts dann beim Schützenwesen, beim Festveranstalter und den Brauereien (oder gegebenenfalls bei Investoren), jedenfalls nicht mehr bei dritten Firmen. Das gilt auch für das Frühlings- und das Oktoberfest. Äußerst vielversprechend wäre zudem die Öffnung von Festhallenbereichen in den Stunden rund um 96-Heimspiele. Der Besuch würde für tausende Menschen zum Ritual. Grundsätzlich können die Hallen für Versammlungen, Feiern aller Art oder Ausstellungen vermietet werden. Bei der Attraktivität der Örtlichkeit braucht man dazu gar nicht erst die Marktlage zu sondieren. Von den schalldichten Schießbahnen her sollten keine Störungen der Veranstaltungen zu erwarten sein, notfalls kann man sich aber immer noch zeitlich/räumlich aus dem Wege gehen. Ohne daß es ein weiteres Geschäft sein soll, ist die „Halle 1903“ auch als zentrale Übungsstätte für Musikzüge anzubieten. Vielleicht gelingt es, hier viele Spielleute zu versammeln, die dann auch zwischen den Stilrichtungen wechseln und dabei möglichst die fehlenden Spielmannszüge wieder herstellen können. Außerdem halten die Schützenvereine nach den Vormärschen das Frühstück in der Halle ab.
Abschließend ist noch der Frage nachzugehen, wie man am besten die Bereiche für Festhallen- und Schießbetrieb anordnet. Der ganze Vorschlag taugt ja nichts, wenn nicht beides funktionieren kann. Sowohl das eine wie das andere dürfte jeweils im Erdgeschoß und im 1.Stock zu machen sein (auch halbe-halbe wäre also denkbar). Dazu zunächst eine grundlegende Feststellung: Der Festhallenbetrieb benötigt keine hohe, freitragende Halle. Daß wir dies von Volksfesten her kennen, ist dadurch hervorgerufen, daß solche Zelte die einfachste Möglichkeit sind, vorübergehend einstöckige Räume mit regenabweisender Dachform zu schaffen. Jedoch bleiben Höhe und Stützenfreiheit ohne nutzbare Vorteile, vielmehr erschweren sie stark das Anbringen von Schmuck und sorgen nach menschlichen Maßen für groteske Dimensionen. Die beiden großen Festzelte beim Schützenfest sind innen einfach nur weiß, kahl, und an Ungemütlichkeit kaum zu toppen; bei den kleineren sieht es schon gleich etwas besser aus. Wenn der Festbesucher aus Gewohnheit mit niedrigsten Ansprüchen hingeht, heißt das noch lange nicht, daß diese armseligen Zustände gut wären. Mit solch geschmacklosen Festzelten braucht man sich über das mäßige Renommee des Hannoverschen Schützenfests auch nicht zu wundern. Um der Atmosphäre Willen sollte der Festhallenbereich in der „Halle 1903“ niedrige Decken aufweisen. Größere pfeilerfreie Flächen sind fast nicht erforderlich und sogar zu vermeiden. Damit schält sich heraus, daß der Festhallenbetrieb im Erdgeschoß stattfindet. Dann können die Besucher normale Eingänge benutzen und sind sofort drin bzw. draußen. Andernfalls müßten ja zumindest eine Rampe an- und ein umlaufender Gang eingebaut werden. Ein weiterer Vorteil ist die weitaus geringere Anforderung an die Statik. Trotz Schwing-, Schallschutz und Geschoßfängen wiegen die Schießbahnen im 1. Stock sicherlich nicht viel. Und die rein optische Erhöhung darüber hinaus könnte auf die kostengünstigste Weise geschehen (evtl. würde man die weitgehend aus Luft bestehenden 100m-Schießbahnen in einem 2. Stock anlegen, sicherlich auch nachträglich machbar). Nachteile wären erstens, daß der Festhallenbetrieb kein Tageslicht nutzen kann, aber inwiefern sollte das von Bedarf sein. Und zweitens, daß die Halle ohne großen freitragenden Raum für manche Arten von Fremdveranstaltungen uninteressant ist. Dies wären allerdings Ereignisse, die auch eine andere Möblierung und Medientechnik verlangten, was ohne Weiteres eh nicht zu leisten wäre.
Der Festhallenbereich setzt sich aus mehreren abgetrennten Raumanlagen zusammen. Man braucht zu jeder Zeit nur so viele davon zu öffnen, wie es dem Besucherzustrom entspricht. Dadurch kann man auch großen Einfluß auf die Stimmung nehmen. Es ist naheliegend, in den Räumen unterschiedliche Musikrichtungen zu spielen. Die Decken sollen grün-weiß oder grün-weiß-grau gefärbt sein. Anders als in den jetzigen unwirtlichen Festzelten, wo bis auf eine sinnlose Abbildung des sowieso in der Nachbarschaft stehenden Rathauses keine Gestaltung vorkommt, bemalt man die Wände mit Motiven wie diesen: Niedersächsische Landschaftsbilder (mit Wildtieren wie auf den klassischen Königsscheiben, auch mit Jagdreitern und Hundemeute), historische Ansichten von Hannover (Straßenzüge der Innenstadt, Burg Lauenrode, Waterlooplatz im alten Zuschnitt, Flußwasserkunst, erste Markthalle, usw.), historische Szenen vom Hannoverschen Schützenfest (Ausmarsch früher noch mit Gewehr; alter Schützenplatz mit Schützenhaus, Toren, Rundteil, Buden, Fahrgeschäften, Feiervolk; Schützen am Schießstand). Oder will das irgend jemand nicht?